Kosmetik / Pflege / Mode
TEST vom 24. November 2016
Gesichtscremes, teure
Falscher Glanz
Gesichtscremes, teure
Drei oder fünfzig Euro für eine Gesichtscreme - rechtfertigen Qualitätsunterschiede solche Preisspannen oder ist es nur geschicktes Marketing? Wir haben uns 22 höherpreisige Gesichtscremes angeschaut. Das Fazit: Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Kosmetikabteilungen und Parfümerien sind in der Vorweihnachtszeit beliebte Anlaufstellen. Wer aus der kalten Winterluft in den vorgewärmten Innenraum tritt, den umhüllt sofort eine dichte Duftwolke. Die einen mögen das als angenehm empfinden. Den anderen bleibt glatt die Luft weg. Und was für Parfümdämpfe gilt, lässt sich auch auf Wirkversprechen übertragen. Fast bedrohlich erscheint manch ein Szenario: "Frühzeitige Hautalterung", "oxidativer Stress", "schädliche Sonnenstrahlen" und "freie Radikale" heißen die Feinde der Haut, gegen die sie die Wundercremes verteidigen sollen. Es scheint, als hätten sämtliche Umwelteinflüsse zum Angriff gegen die menschliche Außenhülle geblasen. Ein ganzes Arsenal wird eingesetzt, um sie in Schach zu halten: An vorderster Front kämpft das "Phytocollagen" neben den "Stammzellen der Schwarzwaldrose", die Abwehrraketen des "Sensivity Reducing Complex"-Systems erledigen den Rest. "Normale Produkte, ist die unterschwellige Message, reichen nicht aus. Es müssen ‚Spezialwaffen' her, um die Feinde zu besiegen. Dass solche Produkte ihren Preis haben, versteht sich von selbst. So wird auch der Begriff ‚erste Fältchen' zu einem Sesam-öffne-dich. Er schafft den Zugang zu den unter 30-Jährigen und garantiert lukrative Geschäfte", schreibt Rita Stiens in ihrem Buch Schön um jeden Preis?. "Gekauft wird die ‚Message'. Sie ist der Nährboden, auf dem die Marketingausgaben reichlich Früchte tragen."

Gemeinsam mit dem Markt- und Konsumpsychologen Professor Georg Felser vom Fachbereich für Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule-Harz sind wir unserem Kaufverhalten auf den Grund gegangen:

Was sagt der Preis über die Qualität? Untersuchungen von ÖKO-TEST und verschiedene Marktstudien zeigen, dass ein hoher Preis bei Kosmetik nicht zwingend für gute Qualität steht. Verbreiteter als dass ein hoher Preis gute Qualität anzeige, ist die Annahme, billige Produkte seien schlechter, so Felser. Das setzt voraus, dass der Kunde den Preis überhaupt in Relation setzen kann, also die Preisspanne in dem Produktsegment kennt. Aber er betont: "Im großen Bereich Nahrungsmittel/Gesundheit/Kosmetik findet sich in mir bekannten Studien kein nachweisbarer Zusammenhang zwischen Preis und Qualität."

Wie wichtig ist die Kaufumgebung? Wo ein Produkt angeboten wird, ist maßgeblich dafür, wie wir es wahrnehmen. Sehen wir es in einer Parfümerie, kann das Verkaufsumfeld dafür sorgen, dass wir angesichts der Aura von Exklusivität bereit sind, mehr auszugeben als etwa in der Drogerie.

Welchen Einfluss hat Werbung? Werbung beeinflusst, was wir mit einem Produkt verbinden. Marktforscher Felser: "Werbung soll vorprägen, ein Image aufbauen. Sie soll beispielsweise ein Produkt in den Kontext bereits vorhandener Produkte stellen. Genau wie das Produktdesign soll Werbung sagen: ‚Dieses Produkt ist so wie alle anderen dieser Marke - was dir an den anderen gefallen hat, wird dir hier auch gefallen'".

Was kann ich selbst tun? Nichts überstürzen. Professor Felser rät, nicht impulsiv zu kaufen und Produkte und Preise zu vergleichen. Zwar halte sich bei relativ geringen Ausgaben wie für Kosmetik der anschließende Katzenjammer in Grenzen, doch der Konsumforscher ist überzeugt: "Ihre Nettofreude ist viel größer, wenn Sie noch einen Tag länger warten und sich darauf freuen."

Wir haben untersuchen lassen, für welche der 22 Gesichtscremes im Test Sie ohne Gesundheitsbedenken etwas mehr zahlen können und die Hersteller um Belege für ihre Wirkversprechen gebeten.

Das Testergebnis

Weniger ist mehr. Elf Produkte erhalten ein "sehr gutes" Testergebnis Inhaltsstoffe. Beim Gesamturteil reicht es aber nur sechsmal zur Bestnote: Einige werden mit Wirkversprechen beworben, die die Hersteller nicht belegen konnten. Auch unbedenkliche Inhaltsstoffe vollbringen keine Wunder. Fünf der vermeintlich höherwertigen Cremes schneiden sogar "ungenügend" ab, darunter das mit knapp 52 Euro teuerste Produkt im Test. Das beweist: Am Preis lässt sich die Qualität nicht ablesen.

Gleichgewichtsstörung. Neun Cremes setzen auf künstliche Fette und Öle. Die sind für die Hersteller in der Anschaffung billiger, fügen sich aber bei Weitem nicht so gut ins Hautgleichgewicht ein wie natürliche Öle und Fette.

Schleuser. PEG/PEG-Derivate, die die Haut durchlässiger für Fremdstoffe machen können, stecken in acht Cremes. Das ist vor allem bedenklich, wenn weitere Problemstoffe wie das fortpflanzungsgefährdende Propylparaben und künstlicher Moschusduft, der sich im menschlichen Fettgewebe anreichert, enthalten sind - so wie in der Olaz Regenerist Feuchtigkeitspflege LSF15. Kritisch sehen wir auch den Mix aus drei allergisierenden Duftstoffen in der Lancôme Nutrix Creme, die außerdem halogenorganische Verbindungen enthält.

Sch(m)utzfaktor. Die Cremes von Marbert, Biotherm und Olaz enthalten bedenkliche UV-Filter, die sich im Tier- oder Zellversuch als hormonwirksam erwiesen haben. Diese werten wir ab.

Bescheidenheit ist eine Tugend. Acht Produkte wollen mehr als Pflegecremes sein. Aber den Alterungsprozess aufhalten können Kosmetika nicht. Wir baten Hersteller, die besonders viel Wirkplus versprechen, dies zu belegen. Nur drei reichten vollständige, produktbezogene Studien ein. Allerdings belegen auch diese nicht schlüssig, dass die Cremes gegenüber einer einfachen Pflegecreme einen Vorteil bieten. Die sechs "sehr guten" Cremes beweisen: Man kann richtig gute Kosmetik auch ohne große Worte verkaufen.

Reichhaltig oder leicht?

Am Tag eine andere als in der Nacht, im Sommer eine andere als im Winter - sind mehrere Gesichtscremes wirklich nötig?

Gesichtscreme besteht in der Regel aus einer Fett- und einer Wasserphase, die mithilfe eines Emulgators dauerhaft vermischt werden. Man unterscheidet zwischen Wasser-in-Öl-(W/O)- und Öl-in-Wasser-(O/W)-Emulsionen:

In W/O-Emulsionen steckt mehr Fett als Wasser. Sie versorgen die Haut mit Ölen und Fetten. Erkennbar sind sie daran, dass fetthaltige Zutaten ganz vorne in der Inhaltsstoffliste stehen. Reichhaltige Gesichts- und Handcremes zählen zu den W/O-Emulsionen ebenso wie Körperbutter. Sie sind eher im Winter sinnvoll, wenn die Haut zur Trockenheit neigt. Da W/O-Emulsionen meist einen fettigen Film auf der Haut hinterlassen, eignen sie sich weniger als Make-up-Unterlage, da das Gesicht schneller zu glänzen anfängt. Wer eher trockene Haut hat, kann sich nachts mit einer solchen reichhaltigeren Creme pflegen.

In O/W-Emulsionen steckt umgekehrt (zum Teil deutlich) mehr Wasser als Fett. Sie sind entsprechend dünnflüssiger und ziehen schneller in die Haut ein. Sie sind eher für die wärmere Jahreszeit gedacht und eignen sich tagsüber als Basis für getönte Foundation. Wer zu fettiger Haut neigt, sollte eine wasserbasierte Creme vorziehen. Ausgeglichenen Hauttypen, die weder trockene noch ölige Haut haben, reicht in der Regel eine einzige Gesichtscreme für alle Gelegenheiten.

So haben wir getestet

Der Einkauf

Ein bisschen mehr darf’s schon kosten: Nach diesem Motto haben wir uns in Parfümerien und Naturwarenläden an Preisen zwischen 10 und 60 Euro orientiert. Zusammen kamen 22 Gesichtscremes, die man auch unterm Weihnachtsbaum finden könnte. Auf den Packungen sollten möglichst keine besonderen Versprechungen gemacht werden - "einfache" Gesichtscremes scheinen manche Hersteller in diesem Preissegment allerdings gar nicht erst im Sortiment zu haben. Dann griffen wir zu einer anderen Variante.

Die Inhaltsstoffe

Hoher Preis, gutes Produkt? Wir haben die Gesichtscremes im Labor auf ihre Inhaltsstoffe überprüfen lassen. Stecken darin problematische Konservierungsstoffe, bedenkliche UV-Filter, hautunfreundliche Fette auf Erdölbasis oder sonstige umstrittene Substanzen?

Die Weiteren Mängel

Wie immer waren die Umweltaspekte bei der Verpackung ein Thema. Außerdem wollten wir für die mit besonderen Eigenschaften beworbenen Produkte Wirksamkeitsbelege sehen. Wir baten deshalb die Hersteller, uns entsprechende, vollständige Studien zum Produkt zuzuschicken.

Die Bewertung

Problematische Substanzen bedeuten Punktabzug beim Testergebnis Inhaltsstoffe. Kann der Hersteller nicht belegen, was er seiner Creme auf der Verpackung zuschreibt, schlägt das aufs Testergebnis Weitere Mängel. Von einer Studie erwarten wir, dass sie sich auf das konkrete Produkt bezieht, das an einer ausreichenden Anzahl Probanden über einen aussagekräftigen Zeitraum getestet worden ist. Die Ergebnisse der einzelnen Testpersonen müssen ersichtlich sein. Als belegt gilt die Wirkung für uns nur, wenn das Produkt im direkten Vergleich zu einer herkömmlichen Pflegecreme, also nicht nur zur unbehandelten Haut, überzeugende Vorteile zeigt. Auszüge oder Wirksamkeitsbelege einzelner Inhaltsstoffe haben wir nicht akzeptiert.

ÖKO-TEST Juni 2017

ÖKO-TEST Juni 2017
Erschienen am
26. Mai 2017

Preis: 4.50 €

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