Kosmetik / Pflege / Mode
TEST vom 28. Dezember 2016
Haargel
Fix(iert) und fertig
Haargel
Schmalzlocke oder Igelkopf - mit Haargel ist kreatives Styling kein Problem. 13 "sehr gute" Produkte in unserem Test machen das auch bedenkenlos möglich. Dennoch gibt es einige, von denen man besser die Finger lassen sollte.

Für viele der Inbegriff der Schmalzlocke: John Travolta alias Danny Zuko, dessen pomadengetränkter Haarpracht der Film "Grease" (1978) sogar seinen Namen verdankt. Dabei hat der Pompadour, wie die Tolle im Fachjargon heißt, im Erscheinungsjahr des Films seine besten Zeiten schon hinter sich. Hochkonjunktur hatte die Pomadenfrisur in den 1920er- und 30er-Jahren und gehörte zusammen mit dem passenden Hornkamm zur Grundausstattung jedes feschen Junggesellen. Charakteristisch für die aus Vaseline, Mineralölen oder natürlichen Wachsen und Ölen bestehende Paste ist der Wetlook, mit dem sich auch krauses Haar bändigen lässt. Mit ein Grund, weshalb die Pomade in jener Zeit auch für die afroamerikanische Bevölkerung zum beliebten Stylingprodukt wurde.

Zwar greifen einige Liebhaber auch heute noch voller Überzeugung zur Pomadendose, doch über die Rockabilly-Subkultur hinaus haben sie längst moderne Produkte abgelöst. Ob Haargel, -wachs, -lack oder -spray: Die Auswahl an Stylingmitteln ist riesig. Den typischen Wetlook erreicht allerdings nur das Haargel. Im Gegensatz zur üppig geschwungenen Föhnwelle von damals mögen es die Anwender heutzutage gerne auch mal wild. Aber ob nach hinten gekämmt oder als chaotisches Durcheinander, halten soll die Frisur in jedem Fall. Konventionelle Kosmetikprodukte schaffen das mithilfe synthetischer Polymere, welche Hersteller oft gleichzeitig als Filmbildner einsetzen, um die Flüssigkeit überhaupt erst in Gel zu verwandeln. Trocknet das enthaltene Wasser ab, halten sie das Haar fest in seiner fixierten Position.

Wer es lieber natürlich mag, findet Alternativen: In der Naturkosmetik geben Fixierstoffe natürlichen Ursprungs wie Xanthan Gum oder Shellac den Halt. Aber funktioniert das auch? Bettina Molinari ist seit elf Jahren Naturfriseurin und betreibt inzwischen zwei Salons in Berlin - einen in Zehlendorf, in dem sie ausschließlich Naturprodukte einsetzt, und einen im Neuköllner Bezirk Gropiusstadt, den sie 1991 von ihrem Vater übernahm und den sie zu 90 Prozent umgestellt hat. "Die übrigen zehn Prozent", erzählt sie mit einem Schmunzeln in der Stimme, "sind ältere Kundinnen, die eben nicht auf ihre Dauerwelle verzichten möchten."

In den Profi-Naturprodukten, die sie fürs Finish der Frisuren in ihren Salons einsetzt, stehen Bier und Zucker weit vorne in der Inhaltsstoffliste. Kein Wunder, damit greifen die Hersteller auf bewährte Hausmittel zurück: "Früher hat man Bier als Festiger benutzt und die Punks haben sich damals die Haare mit Zuckerwasser hochgestellt", weiß Molinari. Und was einen Irokesenschnitt in Form halten kann, hat seine Praxistauglichkeit wohl mehr als eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Wobei, und das gibt Bettina Molinari unumwunden zu, "meine naturbewussten Kunden sind meist nicht so die durchgestylten Typen". Auch ohne ein riesiges Produktarsenal könne man mit natürlicher Haarpflege einiges erreichen. "Das hat auch mit einer guten Beratung zu tun, denn die Umstellung ist ein Prozess", betont die 47-Jährige. "Wer keine gute Beratung bekommt und nicht genug Geduld mitbringt, steigt womöglich wieder um, weil er nicht schnell genug die gewünschten Erfolge sieht."

Dennoch ist die Naturfriseurin überzeugt, dass Menschen, die sich ganz und gar auf eine natürliche Linie einlassen, auf lange Sicht sogar weniger Stylinghelfer brauchen: "Mit konventionellen Produkten ist man oft in einer Produktspirale gefangen, denn viele davon überlagern sich gegenseitig. Eine Kur zum Beispiel macht die Haare ganz glatt, das muss das Stylingprodukt dann erst wieder ausgleichen." Naturkosmetik, ist sie überzeugt, "ist einfach ein anderer Ansatz, den man selbst erlernen und erleben muss."

Um Ihnen eine Orientierung zu geben, was da eigentlich auf Ihrem Kopf landet, haben wir 30 Produkte in die Labore geschickt: 23 konventionelle Haargele und sieben zertifizierte Naturkosmetika.

Das Testergebnis

Licht und Schatten. 13 Produkte sind "sehr gut", acht weitere schneiden "gut" ab. So eine große Auswahl empfehlenswerter Produkte ist nicht selbstverständlich. Sorgen bereiten uns allerdings die sieben "ungenügenden" Haargele, allesamt Produkte bekannter Marken: In den meisten davon wurden auffallend hohe Mengen Formaldehyd/-abspalter nachgewiesen.

Zur Leichenkonservierung wird Formaldehyd seit dem 19. Jahrhundert eingesetzt, weil es verlässlich Keime abtötet und Fäulnisprozesse stoppt. Diese Eigenschaften hat es auch als Konservierungsmittel in Kosmetikprodukten. In freier Form ist es dort allerdings seit Januar 2016 verboten, da es als wahrscheinlich krebserregend gilt.

Abgespalten: In den fünf Haargelen, in denen das beauftragte Labor Formaldehyd/-abspalter nachgewiesen hat, stammen diese jedoch höchstwahrscheinlich aus dem eingesetzten DMDM Hydantoin - ebenfalls ein Konservierer, der bekannt dafür ist, leicht Formaldehyd abzuspalten. Ob nun bewusst eingesetzt oder aus einer anderen Substanz freigesetzt: Unserer Ansicht nach gehört Formaldehyd in keiner Form in Kosmetika, weshalb wir es streng abwerten.

Stinkt zum Himmel! Die Gele von Fructis, Nivea, Axe, L’Oréal Studio Line, Swiss O-Par und Taft haben eine problematische Duftrezeptur. In vier Produkten sind das Moschus-Verbindungen oder Cashmeran, die sich im menschlichen Fettgewebe anlagern und für die es teilweise Hinweise auf Leberschäden gibt. Ebenfalls in vier Gelen hat ein Labor den Duftstoff Lilial nachgewiesen, der im Tierversuch fortpflanzungsgefährdend war.

Eintragsbeschleuniger für all die enthaltenen Problemstoffe in den Körper sind unter Umständen PEG/PEG-Derivate, denn sie können die Haut durchlässiger für Fremdstoffe machen. In immerhin mehr als der Hälfte der Produkte sind sie enthalten. Da sie aber in Haargel nicht so intensiv mit der Haut in Kontakt kommen wie etwa in einer Hautcreme, werten wir sie hier nur um eine Note ab.

Kreativer Kopf: Styling mit Haargel

Haargel ist am besten für kurzes oder mittellanges Haar geeignet. Man kann damit deutliche Akzente setzen, einzelne Strähnen betonen und einen Wetlook kreieren.

Verteilen Sie das Gel zwischen den Fingern und zupfen Sie je nach gewünschtem Effekt zum Beispiel Haarpartien zurecht oder fahren mit den Händen von vorne nach hinten über den Kopf.

Ist das Haargel einmal fest geworden, lassen sich die verklebten Haarsträhnen nicht mehr modellieren.

Wer seine Frisur lieber dezent fixieren möchte, ist mit Gel weniger gut beraten und sollte lieber vor dem Föhnen zu Schaumfestiger oder auf trockenem Haar zu Spray greifen.

Wer den Wetlook nicht mag und ein flexibles Styling möchte, ist bei kurzem bis mittellangem Haar mit Wachs besser beraten.

Haargel pflegt die Haare nicht - im Gegenteil, der enthaltene Alkohol kann sie sogar austrocknen. Verwenden Sie es deshalb sparsam und waschen Sie es vor dem Zubettgehen aus.

So haben wir getestet

Der Einkauf

Jede Drogerie, jeder Supermarkt und jeder Discounter hat eine Haargel-Eigenmarke im Sortiment. Dazu kommen die Produkte bekannter Hersteller wie Henkel, L’Oréal und Co. sowie die Naturkosmetik. Für diesen Test haben wir daraus insgesamt 30 Produkte ausgewählt - 23 konventionelle Haargele und sieben zertifizierte Naturkosmetika. Bezahlt haben wir dabei für 150 Milliliter zwischen 85 Cent und 17,85 Euro.

Die Inhaltsstoffe

Alle Haargele enthalten Parfüm - für uns ein Grund, sie einer umfangreichen Duftstoffprüfung zu unterziehen. Außerdem ist auf fünf Tuben das Konservierungsmittel DMDM Hydantoin deklariert, das dafür bekannt ist, krebsverdächtiges Formaldehyd abzuspalten. Daneben haben die beauftragten Labore die Gele auf weitere Inhaltsstoffe getestet, beispielsweise umstrittene halogenorganische Verbindungen.

Die Weiteren Mängel

Bestehen die Tuben aus Kunststoff, können umweltbelastende chlorierte Verbindungen wie PVC enthalten sein. Auch darauf wurden die Produkte untersucht. Bei den synthetischen Polymeren, die als Filmbildner in Haargel eingesetzt werden, handelt es sich nicht um feste Partikel, derzeit gelten diese daher nicht als Mikroplastik. Polyethylen, welches wir abwerten würden, ist nicht enthalten.

Die Bewertung

Die strengste Abwertung im Test kommt zum Zuge, wenn das Labor im Endprodukt tatsächlich freies oder abgespaltenes Formaldehyd nachweisen konnte. Denn mit einem als wahrscheinlich krebserregend eingestuften Inhaltsstoff ist definitiv nicht zu spaßen. Aber auch für problematische Duftstoffe, halogenorganische Verbindungen, Diethylphthalat und PEG/PEG-Derivate gibt es Notenabzüge.

ÖKO-TEST Juni 2017

ÖKO-TEST Juni 2017
Erschienen am
26. Mai 2017

Preis: 4.50 €

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