Geld / Recht
TEST vom 28. Dezember 2016
Haftpflichtversicherungen mit Höchstleistungsgarantien
Eigentlich eine gute Idee
Haftpflichtversicherungen mit Höchstleistungsgarantien
Der Wettbewerb unter den privaten Versicherungen gipfelt jetzt in sogenannten "Höchstleistungsgarantien". Sie sollen automatisch die höchsten Leistungen garantieren, die Versicherer am deutschen Markt bieten. ÖKO-TEST hat die brandneuen Garantien unter die Lupe genommen und Erstaunliches erlebt.

Die tolle Idee hat viele Namen. Die Ostangler Brandkasse nennt sie "Bedarfsgerechte Leistungsgarantie", die Onlineversicherung Bavaria-Direkt "Best-Bedingungs-Zusage", die Wuppertaler Barmenia "Leistungs-Garantie" und bei der VHV aus Hannover ist sogar von der "Best-Leistungs-Garantie" die Rede.

In der Werbung gehen die Anbieter noch mehr in die Vollen: "Besser gibt es nicht", preist sich die Bavaria. Die Barmenia verspricht ihren Kunden, dass Sie automatisch immer auf dem neuesten Stand sind - "garantiert". Derweil lobt das VHV-Partner-Magazin, dass nun die vielleicht beste Private Haftpflichtversicherung aller Zeiten an den Markt gegangen ist. Der Grund: "Die besten Leistungen aller deutscher Versicherer sind ab sofort vorsorglich mitversichert." Im Versicherungschinesisch liest sich das deutlich trockener: "Sofern ein in Deutschland zum Betrieb zugelassener Versicherer eine Privat-Haftpflichtversicherung mit weitergehendem Leistungsumfang, höheren Entschädigungsgrenzen (Sublimits) oder geringeren Selbstbeteiligungen als die VHV anbietet, wird die VHV im Schadenfall den Versicherungsschutz um solche Leistungen erweitern."

Zu einfach und zu schön um wahr zu sein. Denn wie bei jeder Versicherung gibt es auch bei den Policen mit Marktgarantie das Kleingedruckte. Damit schließt der eine Versicherer Schäden im Ausland aus, der andere Schäden durch deliktunfähige Kinder, der nächste begrenzt die Deckungssumme auf 100.000 Euro, der übernächste möchte nur eingeschränkt zahlen, wenn eine Tagesmutter einen Schaden verursacht.

ÖKO-TEST hat den Markt sondiert, insgesamt 102 Versicherer angeschrieben und nach "Marktgarantien" gefragt. 23 haben in der privaten Haftpflichtversicherung eine solche Leistung im Programm.

Das Testergebnis

Nur die Haftpflichtkasse Darmstadt zahlt in allen von uns abgefragten Bereichen tatsächlich die höchsten am Markt erhältlichen Leistungen. Gleich dahinter liegen die VHV und ihre Tochter Hannoversche mit dem Tarif Klassik-Garant Exklusiv mit Best-Leistungs-Garantie sowie die Swiss Life Partner mit Prima Plus 2016 mit Sorglospaket. Sie erzielen 98 von 100 möglichen Punkten. Super im Rennen liegt auch der Maklerkonzeptanbieter ConceptIF mit dem Tarif CIF:PRO complete best advice mit 97 Punkten.

Der Best Selection von Janitos "holt" schon ohne Marktgarantie 92 Punkte. Daher kann sie auch nur noch in wenigen Fällen wirken und beschert mit drei Punkten zusätzlich dem Tarif ein Gesamtergebnis von 95 Punkten. Die gleich gute und hohe Punktzahl erzielt der Optimum T15 vom Maklerkonzeptanbieter Degenia. 12 Punkte des Gesamtergebnisses kommen hier aus der Marktgarantie.

Alle anderen Anbieter haben sich zu weit aus dem Fenster gelehnt. Daher werden sie abgewertet, auch wenn es sich eigentlich um leistungsstarke Tarife handelt. So würden 19 der 24 Angebote auf dem 1. Rang landen - wenn wir allein die Leistungen bewertet hätten. Wegen ihrer teilweise haltlosen Versprechungen müssen sich elf davon aber mit dem 2. und 3. Rang begnügen.

Ratlos machen uns die Ostangler und ihre Schwester, die Schwarzwälder Versicherung. Zwar nennen sie die Marktgarantie "Bedarfsgerechte Leistungsgarantie", doch überall verhindern besondere Ausschlüsse, dass sich die Leistung verbessert. Wenig Wirkung erzielen zudem die Angebote von Maxpool und Interlloyd. Beide deckeln nämlich ihre Marktgarantie auf 100.000 Euro bzw. auf eine Million Euro.

Ein wichtiges Testergebnis lässt sich kaum in Zahlen fassen. Viele Anbieter haben Schwierigkeiten, ihre "Megaangebote" zu verstehen. So gibt es Unsicherheiten, wann und wie ein Ausschluss wirkt. Am deutlichsten wird das an der Leistung "Sachschäden durch nicht deliktfähige Minderjährige". Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch (§ 828) sind Kinder vor dem siebten Geburtstag nicht für Schäden verantwortlich. Im Straßenverkehr gilt das sogar, solange die Kinder noch keine zehn Jahre alt sind. Da niemand haftet, wenn die Eltern ihre Aufsichtspflicht nicht verletzten, leisten viele Versicherer inzwischen für Kleinkinder und seit neuestem auch für ältere Menschen mit Demenz, um beispielsweise Nachbarschaftsstreitigkeiten zu vermeiden. Doch die Zusatzleistung ist vielfach begrenzt, etwa auf 100.000 Euro. Mit der Marktgarantie würde nun diese Leistung auf die Deckungssumme des Vertrages - mindestens zehn Millionen Euro - hochschnellen. Doch die Mehrleistung kollidiert mit dem Ausschluss "Leistungen, die über die gesetzliche Haftpflicht hinausgehen", den alle Anbieter in ihren Bedingungen verankert haben. Die Marktgarantie wirkt damit nicht. Zu diesem Ergebnis kam beispielsweise die Alte Leipziger erst nach einigen Mailwechseln. Allerdings sei das gar nicht beabsichtigt gewesen, schreibt das Unternehmen und kündigt an: "Mit der nächsten Überarbeitung unserer Bedingungen werden wir Ihren Hinweis klarstellend berücksichtigen." Künftig sollen solche Schäden von der Marktgarantie erfasst werden. Fazit: Unter dem Strich sind die Bedingungen vielfach noch schlecht und intransparent formuliert, was die Kunden ins Risiko bringt.

Probleme dürfte es aber zudem bei Schadenregulierung geben. So müssen Kunden im Schadenfall den Markt nach besseren Bedingungen absuchen und ihrem Versicherer weitergehende Leistungen des Konkurrenten schriftlich nachweisen. "Der Kunde ist mehr in der Pflicht, als er im Recht ist. Er muss herausfinden, ob er irgendwo im Markt den benötigten Versicherungsschutz hat. Diesen Beitrag wird er oft nicht leisten können", kritisiert Gerhard Meyer von HUK-Coburg die neuen Angebote. Der fränkische Versicherer habe sich daher ganz bewusst dagegen entschieden, Tarife mit Marktgarantie einzuführen.

Auf Nummer sicher gehen die Kunden, wenn sie die private Haftpflichtversicherung künftig über einen Versicherungsmakler oder Versicherungsberater abschließen. "Sollte ein Schaden eintreten, der durch den ,Grundvertrag' nicht ersatzpflichtig ist, ist es Aufgabe des Maklers zu prüfen, ob über die Marktgarantie Deckung besteht", sagt Johannes Brück vom Bundesverband mittelständischer Versicherungs- und Finanzmakler (BMVF) aus Hagen.

ÖKO-TEST Juni 2017

ÖKO-TEST Juni 2017
Erschienen am
26. Mai 2017

Preis: 4.50 €

» Inhalt anzeigen