Gesundheit / Medikamente
TEST vom 19. Januar 2017
Zahnspangenmaterialien
Auf den Zahn gefühlt
Zahnspangenmaterialien
Im Mund vieler Zahnspangenträger stecken Stoffe wie Nickel oder Latex, die Allergiker vermeiden sollten. Drei untersuchte Materialien enthalten krebserregende Nitrosamine - das geht gar nicht. Zum Glück bekommen die meisten Testprodukte aber ein "sehr gut".

Die Metalle im Mund führen bei manchen Patienten mit fest sitzenden Zahnspangen zu unerwünschten Nebenwirkungen. Allen voran verdient hier Nickel Beachtung - das häufigste Kontaktallergen in Europa. Auch wenn viele kieferorthopädische Patienten keine Symptome zeigen, können bei Allergikern schon geringe Mengen eines Stoffes die Immunreaktion auslösen; sie sollten deshalb auf nickelfreie Legierungen bestehen. An alternativen Materialien mangelt es nicht. Die Ärzte sind für dieses Thema sensibilisiert, nickel- oder latexfreie Materialien werden im Bedarfsfall eingesetzt.

Die Kieferorthopädie hat zweifelsohne Erfolge vorzuweisen - welcher Erwachsene, der seine schnurgerade Zahnreihe der Spange aus der Kindheit verdankt, wollte das bestreiten? Und doch ist es bemerkenswert, wie schwach die tatsächlichen medizinischen Wirkungen kieferorthopädischer Eingriffe wissenschaftlich belastbar begründet sind. "Es verstärkt sich der Eindruck, dass eine große Kluft zwischen der praktischen Anwendung kieferorthopädischer Maßnahmen und der wissenschaftlichen Erforschung ihrer Wirksamkeit existiert", ist in einer Untersuchung aus dem Jahr 2008 zu lesen, entstanden im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit.

Sicher, es gibt gravierende Kieferanomalien oder problematische Zahnstellungen, bei denen ein medizinischer Eingriff absolut geboten ist. Und mit einem schiefen Gebiss ist gute Mundhygiene eine kompliziertere Angelegenheit als mit einem geraden. Aber machbar ist sie dennoch. "Der Hauptnutzen der meisten Behandlungen", resümiert Dr. Henning Madsen, niedergelassener Kieferorthopäde, "ist ästhetischer Art."

Wenn aber der medizinische Nutzen häufig zweifelhaft ist, private Zuzahlungen dafür aber teils immens, dann sollten Patienten umso kritischer abwägen: Braucht es ihn wirklich - den Fremdkörper im Mund? ÖKO-TEST wollte wissen, was in den Bestandteilen fester Zahnspangen steckt. Mehrere Brackets, Bänder, Bögen und Kunststoffteile haben wir dafür in verschiedenen Laboren untersuchen lassen.

Das Testergebnis

In allen drei getesteten Gummiringen fand das Labor auffällige Werte an Nitrosaminen - eine krebserregende Gruppe von Stoffen. Wie das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit erklärt, können Metaboliten von Nitrosaminen mit der Erbsubstanz DNA reagieren, sie dadurch schädigen und Tumore auslösen. Das von uns beauftragte Labor maß sechs- bis zehnmal so hohe Werte wie der deutsche Grenzwert für Babyspielzeug, das in den Mund genommen wird, vorgibt. "Die Höhe dieser Befunde ist außerordentlich", sagt dazu Dr. Gabriele Steiner vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Stuttgart. Die untersuchten Gummiringe, auch Elastics genannt, werden zwischen Ober- und Unterkiefer gespannt, sie befinden sich also in direktem Kontakt mit der Mundschleimhaut. ÖKO-TEST ist der Meinung, dass solche Produkte überhaupt keine Nitrosamine enthalten sollten.

Entwarnung für den Rest: Die Metalllegierungen sind in puncto giftiger Elemente unauffällig, und in den Kunststoffen wiesen die Labore keine aromatischen Amine nach. Auch die gefärbten Ligaturenringe zeigten keine Auffälligkeiten im Test auf bedenkliche Farbstoffe. Die drei latexhaltigen Produkte enthielten Latexproteine, die Allergien auslösen können, nur in Spuren. In der Konsequenz vergeben wir, abgesehen von den Gummiringen, ausschließlich das Gesamturteil "sehr gut".

Im Labortest mit künstlichem Speichel löste sich bereits in zwei Stunden Prüfzeit aus manchen Metalllegierungen mehr Nickel als aus anderen. Gleichwohl betragen die gemessenen Werte hochgerechnet nur einen Bruchteil des Richtlinienwerts der Weltgesundheitsorganisation für Trinkwasser. Wir werten diese Spuren nicht ab, raten aber jedem Nickelallergiker, auf nickelfreie Alternativen zu bestehen - zumal laut Expertenurteil nach einigen Monaten mehr und mehr Metallionen freigesetzt werden.

ÖKO-TEST Juni 2017

ÖKO-TEST Juni 2017
Erschienen am
26. Mai 2017

Preis: 4.50 €

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