Bauen / Wohnen
TEST vom 23. Februar 2017
Milbensprays
Tot oder lebendig
Milbensprays
Es ist derzeit nicht stichhaltig erwiesen, dass Milbensprays unter realen Bedingungen zuverlässig wirken. Manche Inhaltsstoffe können Allergikern sogar zusätzlich zusetzen. Zum Glück gibt es Alternativen.

Wenn wir Menschen zu Bett gehen, wähnen wir uns allein. Keiner da außer uns, im intimsten Bereich unserer Privatsphäre. Wir lesen, kuscheln, haben Sex und schnarchen friedlich und tun all das umgeben von Heerscharen kleinster Spinnentiere: Um uns hausen Hausstaubmilben. Für manche nur eine bizarre Vorstellung, für Millionen Allergiker aber ein großes Problem, das in winzigen Gedärmen beginnt. "Die Hausstaubmilbe produziert Allergene in ihrem Darm und scheidet sie mit dem Kot aus", erklärt Professor Karl-Christian Bergmann, Allergologe und Milbenexperte vom Allergie-Centrum-Charité. "Daneben legt die weibliche Milbe Eier, oval und klebrig. Diese haben offenbar sehr ähnliche Allergene, aber darüber weiß man noch wenig."

Hausstaubmilbenallergiker überreagieren auf diese Allergene. Häufig ist ihre Nase morgens verstopft, teils kann sie auch jucken oder laufen. Auch die Augen können gerötet sein und jucken. Langfristig droht allergisches Asthma. Allerdings können diese Symptome auch von anderen Ursachen herrühren. Deshalb ist es wichtig, eine allergologische Praxis aufzusuchen, wo Fachleute eine mögliche Hausstaubmilbenallergie feststellen können: mittels Hauttests, Blutuntersuchungen und sogenannten Provokationstests, wobei Allergene direkt in die Nase gegeben werden.

Ist die Hausstaubmilbenallergie diagnostiziert, können Patienten die Symptome mit Medikamenten lindern, eine Immuntherapie beginnen - und sie können die Milben bekämpfen. Schnelle und bequeme Hilfe im Kampf gegen die Plagegeister versprechen Anbieter von Milbensprays. Deren Inhalt sollen Anwender direkt auf Matratzen, Polstermöbel oder Teppiche sprühen. Je nach Wirkstoff sollen sie die Milben direkt angreifen oder deren Nahrung - menschliche Hautschuppen - ungenießbar machen.

Auf den Produkten finden sich selbstbewusste Versprechungen wie "Beseitigt zuverlässig Hausstaubmilben" oder "Ideal für Allergiker". Fachleute hegen allerdings Zweifel: "Die verschiedenen Produkte konnten den DAAB bisher nicht ausreichend von ihrer Wirksamkeit überzeugen und sollten bei einer Wohnraumsanierung auf keinen Fall als alleinige Maßnahmen zum Einsatz kommen. Bei einer Hausstaubmilbenallergie sollte der Einsatz eines allergendichten Matratzenüberzuges die erste und wichtigste Sanierungsmaßnahme sein", heißt es etwa vom Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB).

ÖKO-TEST wollte wissen, ob die Anbieter ihre vollmundigen Behauptungen auch wissenschaftlich beweisen können. Und enthalten die Sprays eigentlich ihrerseits für Allergiker bedenkliche Stoffe? Wir haben 13 Produkte unter die Lupe genommen.

Das Testergebnis

Kein Produkt ist empfehlenswert. Alle Mittel im Test beurteilen wir mit "mangelhaft" oder "ungenügend". Das liegt vor allem an der nicht nachgewiesenen Wirksamkeit und daneben auch an problematischen Inhaltsstoffen.

Vielleicht wirksam, vielleicht nicht: Die tatsächliche Wirksamkeit unter realen Einsatzbedingungen kann für keines der 13 Produkte anhand belastbarer wissenschaftlicher Studien nachvollzogen werden. Zu diesem Ergebnis kommen die Experten des Umweltbundesamts (UBA) in ihrem Gutachten für ÖKO-TEST. Die Produkte können aus unserer Sicht deshalb nicht besser als "mangelhaft" abschneiden.

Ein Labor ist kein Bett: Nur zu sieben Produkten lagen überhaupt Wirksamkeitsversuche vor, in der Mehrzahl Laborversuche in Petrischalen. Die Mittel zeigen darin durchaus Wirksamkeit. Allerdings, das macht das UBA-Gutachten deutlich, lässt sich von Ergebnissen aus Laborversuchen keinesfalls direkt auf die Wirksamkeit unter realen Praxisbedingungen schließen. Das bedeutet: Nur weil ein Mittel in der Petrischale gut gegen Milben wirkt, heißt das noch nicht automatisch, dass es auch in Matratzen zuverlässig gegen die Plagegeister und ihre Allergene hilft. Milben wohnen insbesondere im Inneren der Matratze, und nicht nur an deren Oberfläche. Inwiefern ein Mittel auch gegen tiefer sitzende Milben wirkt, müssten praxisnahe Tests zeigen. Ergebnisse von Versuchen mit Matratzen bzw. Teppichen legten allerdings nur drei Anbieter vor. Alle beinhalteten nur wenige Prüfmuster und teils konnten die Gutachter auch nicht die Originalstudien einsehen. Das ist uns zu wenig.

Die Mischung macht’s. Manche Stoffe wie Margosaextrakt, Pyrethrum, Permethrin und Esbiothrin wirken nachgewiesenermaßen gegen Milben oder andere Spinnentiere bzw. Insekten. Laut Umweltbundesamt bedeutet das aber nicht, dass jedes Spray mit diesen Wirkstoffen deshalb ebenfalls wirkt. "Zwei Produkte mit dem gleichen Wirkstoff können aufgrund von Unterschieden in Dosierung und Konzentration sowie zusätzlicher variabler Beistoffe eine deutlich voneinander abweichende Wirksamkeit aufweisen", schreiben die Gutachter.

Unerwünschtes Gift: Das Envira Milbenspray enthält Permethrin und Esbiothrin. Diese Biozide gehören zur Gruppe der Pyrethroide, künstlich synthetisierte Nachbauten natürlicher Pyrethrine. Sie sind nervengiftig und können Taubheit, Jucken oder Brennen auslösen, wenn sie auf die Haut gelangen. Auch Naturpyrethrum ist nervengiftig. Im Gardigo Anti-Milben-Spray hat es der Hersteller eingesetzt. Eingeatmet können Pyrethrine Brechreiz und Kopfschmerzen auslösen, außerdem gelten sie aufgrund enthaltener allergener Stoffe als hautsensibilisierend. Im Envira Milbenspray hat ein Labor außerdem Formaldehyd/-abspalter nachgewiesen. Formaldehyd ist ein krebsverdächtiger Stoff, der Allergien auslösen kann.

Verharmlosende Deklaration: Nicht nur Wirksamkeitsversprechen, auch andere Deklarationen auf den Sprays sind mit Vorsicht zu genießen. Anbieter Solution Glöckner behauptet vom Allerg-Stop Matratzenspray Solution, es enthalte "natürlich basierende Inhaltsstoffe mit hervorragender Verträglichkeit für Mensch und Säugetier" und könne "auch im Umfeld von Kleinkindern (...) bedenkenlos angewendet werden". Das ist aus unserer Sicht zu dick aufgetragen für ein Produkt, das zugleich den Hinweis trägt "Biozidprodukte vorsichtig verwenden".

So reagierten die Hersteller

Auf Anfrage von ÖKO-TEST legten sechs Anbieter Studienergebnisse zur Wirksamkeit ihrer Produkte vor, eine weitere Laborstudie findet sich zu dem Produkt Acarosan Duo von Davimed. Die Anbieter Avantal und Öko Planet übermittelten ausschließlich Laborstudien. Envira legte ebenfalls Labortests vor - für ein Produkt mit anderem Namen, das aber laut Anbieter bis auf das Mischungsverhältnis der Emulgatoren identisch mit dem getesteten ist. Nur Ayono, Solution Glöckner und Taurus Pharma legten Ergebnisse von Praxistests an Matratzen bzw. Teppichen vor. Laut den von Ayono übersandten Informationen wurden neun Matratzen mit dem Produkt besprüht, bei neun Kontrollmatratzen. Bei Solution Glöckner waren es zwei Teppiche und zwei Kontrollmuster und bei Taurus Pharma sechs Matratzen, bei einer uns unbekannten Anzahl von Kontrollen. In allen diesen Studien zeigte sich das jeweils getestete Produkt als wirksam. ÖKO-TEST hält diese Versuche für nicht ausreichend, sie beinhalten zu wenige Prüfmuster und teils waren wichtige Angaben nicht nachvollziehbar.

Envira teilte mit, man könne die von ÖKO-TEST gemachten Angaben zu nachgewiesenen Stoffen nicht nachvollziehen. Der Anbieter übermittelte eine Auflistung seiner Wirkstoffe und Zusätze, in der Formaldehyd/-abspalter oder halogenorganische Verbindungen nicht auftauchen. In einem vom Anbieter übermittelten Prüfbericht zu einer anderen Charge als der von ÖKO-TEST getesteten wurden ebenfalls Formaldehyd/-abspalter und halogenorganische Verbindungen in Gehalten nachgewiesen, für die wir Noten abziehen.

Experte

Nur Milben vermeiden reicht nicht

"Erst seit relativ kurzer Zeit ist bekannt, dass Hausstaubmilben nicht nur in der Wohnung von wesentlicher Bedeutung sind, sondern auch im Auto, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder am Arbeitsplatz. Allergiker sollten also ihren Tagesablauf prüfen und dort, wo die Symptome am schlimmsten sind, Maßnahmen zur Vermeidung treffen. Ein voller Erfolg ist so aber nicht zu erreichen, deshalb rate ich zusätzlich - nach der Beratung mit einem Allergologen - zu Medikamenten und einer Immuntherapie."

Der Allergologe und Milbenexperte Karl-Christian Bergmann ist Professor am Allergie-Centrum-Charité.

Die Wirkstoffe im Überblick

Decansäure hat eine ölige Konsistenz und ist Bestandteil von Kokos- und Palmöl. Gegen Schädlinge angewandt, soll sie deren Atemorgane verstopfen. Laut Umweltbundesamt (UBA) ist die Wirksamkeit gegen Hausstaubmilben in der Praxis nicht bestätigt.

Esbiothrin und Permethrin haben allgemein eine milbenabtötende Wirkung, für das vorliegende Produkt Envira Milbenspray ist dies aber nicht nachgewiesen. ÖKO-TEST kritisiert diese Pestizide, sie sind nervengiftig und können beim Menschen Taubheit, Jucken oder Brennen auslösen, wenn sie auf die Haut gelangen.

Das ätherische Öl Geraniol wird gegen viele Schädlinge wegen seiner vertreibenden Wirkung eingesetzt. Die Anbieter Param und Solution Glöckner beanspruchen für ihr Geraniolprodukt, dass es die Atemöffnungen der Milben verschließt und sie so erstickt. Gemäß Anbieter Wenko soll dessen Geraniolspray die Chitinhülle der Milben auflösen. Laut UBA kann derzeit keine Aussage über die Wirksamkeit von Geraniol gegen Hausstaubmilben unter realen Einsatzbedingungen getroffen werden. Für den Menschen ist der Stoff ein eher schwaches Allergen.

Als Margosaextrakt werden verschiedene aus dem Neembaum (Azadirachta indica) gewonnene Mittel bezeichnet. Margosaextrakt soll die Nahrung der Milben ungenießbar machen und die Entwicklung der Milbenlarven stören. Gegen verschiedene Schädlinge ist es erwiesenermaßen wirksam, diese Ergebnisse sind aber laut UBA nicht einfach auf Hausstaubmilben oder auf die vorliegenden Produkte übertragbar.

Naturpyrethrum wird aus Chrysanthemenblüten gewonnen. Es tötet Milben und Insekten, allerdings liegen laut UBA keine Studien mit Hausstaubmilben vor. ÖKO-TEST kritisiert diesen Stoff, er ist nervengiftig. Eingeatmet können Pyrethrine Brechreiz und Kopfschmerzen auslösen, außerdem gelten sie aufgrund enthaltener allergener Stoffe als hautsensibilisierend.

Süßer Orangenextrakt soll die Nahrung der Milben ungenießbar machen. Laut UBA liegen keine wissenschaftlichen Studien vor, die eine Wirksamkeit gegen Hausstaubmilben bestätigen.

So haben wir getestet

Der Einkauf

Online und in Apotheken haben wir 13 Milbensprays mit unterschiedlichen Wirkstoffen eingekauft. Für 100 Milliliter des teuersten Produkts Milbopax haben wir 16,45 Euro bezahlt, für 2.000 Milliliter des günstigsten Produkts Wenko Milben-Stop 19,99 Euro. Die Mengen und Preise sind aufgrund der unterschiedlichen Zusammensetzungen und Anwendungsempfehlungen nur begrenzt vergleichbar.

Die Wirksamkeit

Wir haben von allen Anbietern Studien zur Wirksamkeit ihrer Produkte angefragt und diese an das Umweltbundesamt (UBA) weitergeleitet. Die UBA-Experten haben diese Infos ausgewertet und nach weiteren wissenschaftlichen Veröffentlichungen recherchiert. Schließlich beurteilten sie in einem Gutachten für ÖKO-TEST, was sich auf Basis dieser Informationen über die wissenschaftlich erwiesene Wirksamkeit der Sprays aussagen lässt.

Die Inhaltsstoffe

Zum einen haben wir die deklarierten Wirkstoffe bewertet. Zum anderen wurden die Sprays in Schadstofflaboren untersucht, unter anderem auf allergieauslösende Duftstoffe. Das starke Allergen 3-Caren und krebsverdächtige Formaldehyd/-abspalter standen ebenso auf der Prüfliste wie die umstrittene Stoffgruppe der halogenorganischen Verbindungen.

Die Bewertung

Wenn die Wirksamkeit eines Mittels nicht transparent anhand wissenschaftlicher, aussagekräftiger Studien nachzuvollziehen ist, bewerten wir es nicht besser als mit "mangelhaft". Enthält ein Produkt obendrein problematische oder bedenkliche Inhaltsstoffe, kann es sich auf "ungenügend" verschlechtern.

ÖKO-TEST Juni 2017

ÖKO-TEST Juni 2017
Erschienen am
26. Mai 2017

Preis: 4.50 €

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