Kosmetik / Pflege / Mode
TEST vom 23. Februar 2017
Kleidergrößen
Größen-Wahnsinn
Kleidergrößen
Eine 36 ist eine 36 - ist manchmal aber auch eine 40. Verbindliche Vorgaben für Maße hat die Bekleidungsindustrie nicht, manche Hersteller schummeln sogar extra auf den Etiketten, um ihren Kunden zu schmeicheln. Die brauchen wegen des Wirrwarrs viel Geduld und starke Nerven bei der Suche nach dem neuen Lieblingsstück.

Knie und Oberschenkel sind nicht das Problem, aber an der Hüfte kneift die Jeans. Auch die beiden Alternativmodelle passen nicht recht, da nützt die sportlichste Verrenkung in der Umkleidekabine nichts. Das eine Teil schlackert, das andere schmiegt sich wie eine Pelle ans Bein, obwohl beide die gleiche Größe haben sollen. Einen Laden weiter sorgt das Oberhemd für eine Überraschung. Über Nacht muss wohl der Hals angeschwollen sein; Kragenweite 40, die sonst recht gut sitzt, lässt jedenfalls keinen Spielraum mehr für tiefe Atemzüge - bestenfalls für einen genervten Seufzer.

So fördert der Blick in den Kleiderschrank bei manchem nicht nur gut sitzende Jeans in vier unterschiedlichen Größen oder T-Shirts von M bis XL zutage, sondern bestätigt, was die meisten Menschen ohnehin ahnen: Auf Kleidergrößen ist kein Verlass, bei Kleidergrößen herrscht Chaos. Und das in einer Ecke der Welt, in der vermeintlich alles reglementiert, genormt und durchgetaktet ist.

Die Gründe für das Wirrwarr sind hausgemacht. "Es gibt keine festgelegten Größen, an die sich alle Hersteller gleichermaßen halten", erklärt Thomas Rasch, Hauptgeschäftsführer bei German Fashion, einem Branchenverband der Bekleidungsindustrie. Es gebe zwar Größentabellen, die den Firmen als Orientierung dienen. Aber: "Es besteht keine Verpflichtung, sich an diese Vorgaben zu halten", sagt Rasch. Was erstaunlich ist, weil die Textilindustrie einigen Aufwand betreibt, um an möglichst exakte Körpermaße ihrer potenziellen Kunden heranzukommen.

SizeGermany heißt beispielsweise ein Projekt, mit dem 2007/2008 mehr als 13.000 Männer, Frauen und Kinder per 3-D-Scan vermessen wurden. Frauen haben demnach im Vergleich zur vorigen Reihenmessung aus dem Jahr 1994 im Schnitt um einen Zentimeter an Körpergröße zugelegt. Gleichzeitig nahmen auch Brustumfang (plus 2,3 Zentimeter), Taillen- (+4,1) und Hüftumfang (+1,8) zu. Bei den Männern sind die Vergleichsdaten noch älter (1980), entsprechend sind die Veränderungen größer: Herr Mustermann wuchs in knapp 30 Jahren um 3,2 Zentimeter und legte beim Brustumfang stolze 7,3 Zentimeter zu. Taille und Hüfte gingen im Schnitt um 4,4 und 3,6 Zentimeter in die Breite.

Selbst wenn die Produzenten sich penibel an solche Daten hielten, wäre nicht sicher, dass die Kleidung von der Stange wirklich sitzt. Modeexperten schätzen, dass ohnehin nur jede fünfte Frau mit ihrer Figur in eine Standardgröße passt. Denn nicht nur die Körpermaße variieren, sondern auch die -proportionen. Mit dem Alter nimmt beispielsweise der Taillenumfang zu. Die Industrie reagiert darauf mit Schnitten und Styles entsprechend der angepeilten Zielgruppe - junges Mädchen oder reifere Frau. Beide können zwar die gleiche Konfektionsgröße haben, passen wird einer von beiden das Kleidungsstück aber vermutlich nicht.

Ein weiteres Problem sind sogenannte Schmeichelgrößen. Im Etikett steht die Größe 36, die tatsächlichen Maße entsprechen aber in Wahrheit einer 40. Frauen (und Männer) fühlen sich dadurch geschmeichelt, so das Prinzip Hoffnung hinter der Masche, und belohnen die Schummelei durch Markentreue.

Das Größendilemma ist allerdings auch dem Material geschuldet. "Textilien verhalten sich nun mal nicht wie Blech", sagt Professor Mathias Paas vom Fachbereich Textil- und Bekleidungstechnik der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Der Werkstoff Stoff würde sich etwa durch Nachbehandlungen verändern. "100-prozentig lässt sich das nie ausschließen." Bei Jeans zum Beispiel, die fast durch die Bank behandelt würden, könne die Toleranz bei der Bundweite zwei bis drei Zentimeter betragen. Mit Folgen: "Sie werden eine Jeans immer anprobieren müssen", sagt Paas.

Was die Käufer im Laden im schlimmsten Fall nur Zeit und Nerven kostet, verursacht bei Onlinekäufen schnell gewaltige Kosten, Unmengen an Verpackungsmüll und Emissionen. 47 Millionen Menschen in Deutschland haben 2015 laut Statistischem Bundesamt über das Internet eingekauft. Fast zwei Drittel (64 Prozent) bestellten demnach Kleidung und Sportartikel. Bei den verkauften Warengruppen im Internethandel liegt Bekleidung vor Elektroartikeln und Büchern. Auf Anproben können (und wollen) die meisten Käufer aber auch zu Hause nicht verzichten. Der IT-Branchenverband Bitkom hat ermittelt, dass mehr als die Hälfte der Onlineshopper (51 Prozent) Waren mindestens einmal mit der festen Absicht bestellt, diese postwendend zurückzuschicken - etwa weil gleich drei unterschiedliche Größen eines Stücks geordert wurden. Mal gucken, welche passt. Der Frust beim Anprobieren ist damit aber keineswegs vom Tisch, er verlagert sich bloß vom Laden in die eigenen vier Wände.

Wir wollten wissen, wie groß die Unterschiede bei Hemden und Blusen tatsächlich sind und haben insgesamt 60 Oberteile vermessen lassen.

Das Fazit

Enorme Unterschiede. Wie zu erwarten, sind die Unterschiede von Marke zu Marke gewaltig - obwohl die Kleidungsstücke laut Etikett ein und dieselbe Größe haben sollen. Beispiel Taillenweite: In der kleinsten von uns gemessenen Größe (36/S) ergibt sich ein Unterschied von mehr als 20 Zentimetern. Die Bluse aus dem Hause Tom Tailor bringt es auf 80,4 Zentimeter, das Modell von Opus ist dagegen 102 Zentimeter breit.

Bei Männerhemden sind die Größenunterschiede ebenfalls auffällig - was sich wiederum am Beispiel Taille zeigt. Das Medium-Exemplar von Hilfiger ist 94,4 Zentimeter breit, das von Carhartt misst an dieser Stelle ganze 15 Zentimeter mehr. Auch in anderen Größen hat die US-Marke großzügig geschneidert: Bei L beträgt der Unterschied zum kleinsten Hemd (Hilfiger) elf Zentimeter. In der Größe XL sind es zwölf, hierbei kommt das schmalste Hemd ebenfalls von Hilfiger.

Eher groß. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Kleidungsstücke in der Regel eher größer ausfallen als in den Größentabellen der Hersteller - sofern vorhanden - angegeben. Dies ist zunächst positiv zu sehen. Die Angaben der Hersteller beziehen sich in der Regel auf sogenannte Primärmaße, also Körpermaße. Die Kleidungsstücke (Sekundärmaße) sollten, damit sie passen, etwas größer ausfallen als die Tabellenvorgaben. Zu groß sollten die Kleidungsstücke allerdings nicht sein, sonst bewegt man sich schon in der nächsten Konfektionsgröße.

So reagierten die Hersteller

Sehr offen geht More & More mit den Messergebnissen um: Das von ÖKO-TEST untersuchte Modell sei an der Oberweite zu eng ausgefallen, vor allem in der Größe 36. Dies sei bereits bei der internen Qualitätskontrolle aufgefallen. "Wir haben daraufhin die Bluse an verschiedenen Größen anprobiert und festgestellt, dass eine Auslieferung trotzdem erfolgen kann", heißt es schriftlich auf unsere Anfrage. "Das Material ist aufgrund der Zusammensetzung so elastisch, dass die Auswirkungen der Maßabweichung nicht zum Nachteil für den Kunden sind." Als Grundlage für die Größen dienen dem Anbieter die Ergebnisse der eingangs erwähnten Reihenmessung SizeGermany. Zudem würden die Kleidungsstücke gewissermaßen am lebenden Objekt getestet. Allein für die Größe 36 seien drei "Damen mit unterschiedlichen Passformen" zu den Anproben im Haus. "So sind wir in der Lage, unsere Modelle an sportlichen, weiblichen und normalen Figuren zu testen."

"Mit Verwunderung" hat Tom Tailor unsere Taillenmessung der Bluse in Größe 44 zur Kenntnis genommen. Diese entspreche nicht den Maßvorgaben und liege mit minus 5,4 Zentimetern außerhalb der Toleranzgrenze, heißt es schriftlich. "Dies verwundert uns, da wir den Schnitt und die Größen in regelmäßigen Abständen auch in den Produktionsländern vor Ort überprüfen. Wir werden deshalb intern noch einmal nachvollziehen, worin diese Abweichung begründet liegt." Hergestellt wurde die Bluse in Indonesien.

Die Kombination aus Reihenmessungen und Erfahrungen mit der Zielgruppe scheint bei vielen Herstellern eine bewährte zu sein. Marc O’Polo bezieht sich darauf, ebenso Seidensticker. Von letztgenanntem Hersteller heißt es: Die von ÖKO-TEST ermittelten Größenangaben lägen im "Toleranzbereich unserer Maßtabelle". Eterna teilte uns mit, für seine Modelle ebenfalls die Ergebnisse von SizeGermany zu verwenden. Hinzu käme die Erfahrung, die man seit der Unternehmensgründung gesammelt habe. Grundsätzlich bemühe man sich um "Passformtreue", modische Entwicklungen erforderten von Zeit zu Zeit aber, die Passformen anzupassen.

Der niederländische Hersteller Profuomo hat nach eigener Aussage die Passform des von uns vermessenen Hemdes erst im vorigen Jahr angepasst. Im Schnitt geschehe das bei den Kollektionen alle drei Jahre.

Kompakt

Konfektionsgrößen

In Deutschland werden die Konfektionsgrößen nach folgendem Schema errechnet: Bei Männern wird der Brustumfang in Zentimetern gemessen und dann durch 2 geteilt. Beispiel: Bei einem Brustumfang von 88 Zentimetern gilt also: 88 cm : 2 = 44. Die Konfektionsgröße ist somit 44. Bei Frauen wird von diesem Wert noch der Faktor 6 abgezogen. 88 cm : 2 = 44 - 6 = Konfektionsgröße 38.

Internationale Größen

Die Kleidergrößen in Europa variieren stark, weil sie sich nach unterschiedlichen Formeln errechnen. Grundsätzlich bietet folgende Faustregel eine grobe Orientierung: In Italien addiert man zu der eigenen Kleidergröße drei Nummern (gilt für Männer- und Frauenmaße), in Frankreich ist es eine Nummer. In Großbritannien und den USA kommt man damit allerdings nicht weit. Dort gibt es eigene Maße. In den USA ist die deutsche Frauengröße 32 eine 4, die 34 eine 6 usw.; in England ist die 32 hingegen eine 6, die 34 eine 8. Die Herrengrößen unterscheiden sich davon auch. Für Männeroberbekleidung gilt: deutsche Größe minus 10, so wird die deutsche 44 in beiden Ländern zur 34.

Inch-Größen

Bei Jeans haben sich Inch-Größen durchgesetzt. Ein Inch (Zoll) entspricht 2,54 Zentimetern. Angegeben werden Bundumfang und Beininnenlänge. Eine Jeans in der Größe 30/34 entspricht einer Bundweite von 76 Zentimetern und einer Beinlänge von 86 Zentimetern.

So sind wir vorgegangen

Der Einkauf

Für den Test haben wir in Kaufhäusern und Onlineshops zehn klassische Herrenhemden und zehn Damenblusen bekannter Labels in jeweils drei unterschiedlichen Größen gekauft. Um vergleichen zu können, haben wir darauf geachtet, immer den gleichen Schnitt in der sogenannten Normalgröße, also keine Kurz- oder Langgrößen, auszuwählen. Erstanden haben wir Männerhemden mit den Kragenweiten 40 - 42 - 44 und Blusen der Konfektionsgrößen 36 - 40 - 44, was in etwa den internationalen Größenbezeichnungen M, L, XL beziehungsweise S, M und L bei Frauen entspricht. Preislich lagen die erstandenen Kleidungsstücke zwischen 14,99 Euro für eine Bluse von H&M und 69,95 Euro für ein Hilfiger-Hemd und die Bluse von Marc O’Polo.

Die Messung

Unser Testlabor hat die insgesamt 60 Oberteile anhand von zehn Parametern vermessen. In der Praxis sind aber nicht alle dieser Maße für Käufer relevant, wir veröffentlichen deshalb nur die wichtigsten Größen in den Kategorien Kragen-, Ober-, Taillen- und Schulterbreite sowie die Armlänge.

Die Bewertung

Auf eine Bewertung haben wir verzichtet, eben weil es für die Hersteller keine verpflichtenden Vorgaben gibt, an die sie sich bei ihrer eigenen Bemaßung halten müssten. Viele Firmen veröffentlichen in ihren Internetauftritten eigene Größentabellen, um vor allem Onlinekäufern eine Orientierung zu bieten. Wie diese Maßtabellen aussehen, bleibt den Unternehmen überlassen.

ÖKO-TEST Juni 2017

ÖKO-TEST Juni 2017
Erschienen am
26. Mai 2017

Preis: 4.50 €

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