Gesundheit / Medikamente
TEST vom 30. März 2017
Schmerz-/Sportlersalben
Geknickt
Schmerz-/Sportlersalben
Prellungen, Verstauchungen, Zerrungen: Rezeptfreie Schmerzgels und -salben sollen schnelle Linderung verschaffen. Doch nur wenige sind wirklich empfehlenswert.

Ein Schrei und der Hobbykicker geht abrupt zu Boden. Stechende Schmerzen, der Knöchel schwillt und pocht: umgeknickt kurz vor dem Tor. Jähes Ende eines Sprintduells, Feierabend auf dem Bolzplatz. Mehr als jeder dritte Sportunfall ereignet sich beim Freizeitfußball, gefolgt von Skifahren und sonstigen Sportarten, zeigt eine Auswertung von rund 161.000 Sportverletzungen durch den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Demnach waren die häufigsten Arten, für die private Sportunfallversicherer zwischen 2010 und 2014 zahlten: Muskelfaser- und Bänderrisse, Zerrungen, Verrenkungen und Zerreißungen, gefolgt von Knochenbrüchen. Das Robert-Koch-Institut schätzt für 2014 zumindest allgemein bundesweit rund vier Millionen Unfälle in der Freizeit.

"Viele Freizeitsportler schmieren erst mal mit rezeptfreien Schmerzsalben", erklärt Dr. Ingo Tusk. Erst wenn das nichts nach einem Unfall etwa beim Kicken, Laufen oder Radeln bringe, so der Chefarzt der Sportorthopädie in den Frankfurter Rotkreuz-Kliniken, werde zum Arzt gegangen. "Wir haben es in der Klinik deshalb häufiger mit gerissenen Bändern oder Sehnen zu tun, bei denen erst mal Salben mit Ibuprofen oder Diclofenac eingesetzt wurden."

Am reflexartigen Griff zur Hausapotheke verdient die Pharmaindustrie kräftig. 2016 wurden mit rezeptfreien Muskel- und Gelenkschmerzmitteln mehr als 567 Millionen Euro umgesetzt - 375 Millionen allein mit Salben. Voltaren, Kytta, Finalgon, Mobilat oder Proff: Die Werbemaschinerie hat viele Bestsellermarken längst ins kollektive Bewusstsein gebrannt. Nur mit rezeptfreien Erkältungsmitteln wurde laut den Marktforschern von Ims Health mit 1,2 Milliarden Euro noch mehr Umsatz gemacht.

Dabei gilt die Schmiererei gar nicht als ideale Notfallhilfe: "Es kommt wie beim Herz- und Kreislaufstillstand darauf an, möglichst schnell aktiv zu werden. Pause, Eis, Kompression und Hochlagerung sind die Herzmassage beim Sportunfall", sagt Tusk, der auch die deutschen Fußballnationalspielerinnen betreut. Sportler sollten sofort pausieren, um dem verletzten Arm oder Bein Ruhe zu verschaffen, das Körperteil mit Eis kühlen, mit einer Bandage komprimieren und es hochlegen, um der Schwellung entgegenzuwirken. "In der sportmedizinischen Praxis hat sich bisher nichts als effektiver erwiesen."

Blutgrätsche, Schienbeintritt, Schubser: Bei Ballsportarten ist oft der Gegner Quell des Übels. Doch auch unzureichendes Aufwärmen, übertriebenes Training ohne Erholungsphasen sowie falsche Techniken sorgen für leichte Verletzungen. Überall dort, wo das Leid direkt unter der Haut liegt, können dann Salben Schmerzen stillen und Entzündungen hemmen. "In der Akutphase, den ersten drei Tagen, unterstützen Schmerzmittel den Heilungsprozess, denn sie lindern die Symptome." Länger angewendet störten Salben mit etwa Diclofenac oder Ibuprofen aber eher die körpereigenen Reparaturvorgänge, meint Tusk.

Etliche Salben wirken auch erwärmend, indem sie die Durchblutung fördern. Die Anbieter empfehlen sie daher auch gegen rheumatische Beschwerden. "In der Praxis zeigt sich, dass Wärmesalben verhärtete und verspannte Muskulatur etwa im Nacken oder bei einem Wadenkrampf lösen können", erklärt Tusk. Bei geschwollenen Prellungen oder Verstauchungen verschlimmerten sie den Zustand allerdings eher.

Vom beworbenen Kühleffekt einiger Mittel hält der Sportmediziner wenig: "Darin enthaltener Alkohol wird als subjektiv angenehm auf der Haut empfunden." Um wirklich tiefere Gewebeschichten zu erreichen, rät der Sportmediziner zur Eispackung: "Sie kühlt betroffene Areale runter, wirkt abschwellend und unterstützt so die Regeneration."

Wie gut helfen Salben, Gels und Cremes gegen typische Muskelschmerzen, Zerrungen oder rheumatische Beschwerden? Wir bleiben skeptisch und haben 19 Arzneien von einem Pharmazieexperten begutachten lassen. Auch ein Schadstoffcheck stand an.

Das Testergebnis

... hat sich gewaschen: Fünf Salben fallen mit "ungenügend", vier mit "mangelhaft" durch. Mit der Bestnote "sehr gut" zeichnen wir nur zwei Mittel aus.

Gut erforscht: Neun getestete Salben enthalten jeweils Ibuprofen, Diclofenac, Felbinac, Etofenamat, Flufenaminsäure oder Piroxicam. Die Wirkstoffe zählen zu den nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR), also Mittel, die kein Kortison enthalten. "NSAR-Salben helfen sehr gut gegen akute Muskelschmerzen bei Verstauchungen, Verspannungen, Überlastungsverletzungen und rheumatischen Beschwerden", urteilt unser Berater Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Goethe-Universität Frankfurt. Sie dringen in die Haut, in Gewebe oder Gelenke ein und vermindern dort wirksam die Prozesse, die zu Schmerzen im Gewebe führen. Das verdeutlicht eine Metastudie von 2015 der Cochrane Collaboration, einem weltweiten Netz von Wissenschaftlern und Ärzten.

Die Daten der 61 ausgewerteten Studien belegen zudem, dass die Salben ein deutlich niedrigeres Nebenwirkungsrisiko als NSAR-Tabletten besitzen. Denn von den Wirksubstanzen gelangt wesentlich weniger ins Blut.

Effektiv, aber schädigend: Laut der Cochrane-Arbeit erwies sich Diclofenac zwar noch vor Ibuprofen als am effektivsten zur lokalen Schmerzbehandlung. Doch einer Studie im Auftrag des Umweltbundesamts (UBA) von 2016 zufolge ist Diclofenac in 50 Ländern in auffallend hohen Konzentrationen in Oberflächengewässern nachweisbar. Dort kann die Arznei etwa Nieren und Kiemen von Fischen sowie Pflanzen schädigen. Das führt bei uns zu Punktabzug.

Gepfeffert: Wirkstoffe auf Basis von Cayennepfeffer erweitern die Blutgefäße, sorgen so für ein Wärmegefühl im Gewebe und lindern Schmerzen. Das ist das Prinzip der Hot Thermo Dura C Creme, der ABC Wärme-Creme und der Finalgon Wärmecreme stark. "Die Wirksamkeit solcher Arzneimittel bei Rheuma gilt als ausreichend belegt, nicht jedoch deren Anwendung bei Sportverletzungen", betont Schubert-Zsilavecz. In der Finalgon Wärmecreme stark sind gleich zwei durchblutungsfördernde Wirkstoffe enthalten. Es gebe aber keinen Vorteil der Kombination. Sie erhöhe vielmehr die Gefahr von Neben- und Wechselwirkungen, so unser Berater.

Sanfte Alternative? In vier Salben steckt Arnikatinktur. In vergangenen Tests empfahlen wir den pflanzlichen Wirkstoff noch. Wenige Studien wiesen darauf hin, dass er Entzündungen hemmt und Schmerzen dämpft. 2016 bewertete die Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) die Heilpflanze allerdings komplett neu: "Der Einsatz von Arnika-Schmerzsalben lässt sich bis heute nicht durch Ergebnisse zeitgemäßer klinischer Studien begründen", fasst Schubert-Zsilavecz zusammen. Ihre Zulassung sei daher nur durch einen über 30-jährigen Einsatz in Arzneien gerechtfertigt. Genauso sieht es auch für den Beinwellwurzel-Fluidextrakt in der Kytta Schmerzsalbe aus: Unserem Gutachter zufolge weist eine brauchbare Studie auf einen möglichen schmerzstillenden und entzündungsmindernden Effekt hin. Laut aktueller EMA-Bewertung fehlen jedoch auch für diesen Pflanzenextrakt ausreichend hochwertige Daten.

Pseudo-Arzneien: In den Salben und Gels der Drogerien Müller und Rossmann soll Campher alleine oder kombiniert mit Ethanol und ätherischen Ölen gegen Schmerzen helfen. Zweifelhaft. "Mehr als ein oberflächlicher, kühlender Effekt nach dem Auftragen auf die Haut ist von solchen Präparaten nicht zu erwarten", stellt Schubert-Zsilavecz klar.

Wenn’s heilen soll, aber schaden kann: In sechs Salbentuben wies das beauftragte Labor Paraffine nach. Sie integrieren sich nicht so mühelos ins Hautgleichgewicht wie die Bestandteile natürlicher Öle. Zudem wiesen die beauftragten Analytiker in drei der Salben krebsverdächtige Mineralölkohlenwasserstoffe (MOAH) nach. Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt für Kosmetika, dass bereits kleinste Mengen krebserregendes Potenzial haben können. Laut BfR ist es zudem möglich, den Gehalt in Erdölprodukten auf nur 0,0001 Prozent zu reduzieren. Dieser Wert ist in den Salben weit überschritten.

Hilfsstoffe haben es in sich. In der Finalgon Wärmecreme stark und der Kytta Schmerzsalbe stieß das beauftragte Labor auf Duftstoffe, die Allergien auslösen können. In der Merck-Arznei steckt zudem das allergisierende Terpen Delta-3-Caren, hautreizendes Natriumdodecylsulfat sowie bedenkliche Parabene. Letztere stehen im Verdacht, wie ein Hormon zu wirken. Eine solche Substanz ließ sich auch in der ABC Wärme-Creme nachweisen.

Wirkstoffe in Schmerzsalben

Ibuprofen, Etofenamat, Flufenaminsäure, Felbinac oder Piroxicam in Salben helfen, wenn Prellungen, Verstauchungen und Zerrungen quälen. Dass diese Wirkstoffgruppe Schmerzen lindert und Entzündungen hemmt, ist gut durch klinische Studien belegt. Auf die Haut aufgetragen, besitzen die Stoffe zudem ein deutlich geringeres Nebenwirkungsrisiko als in Tabletten. Wir empfehlen sie wegen möglicher Wechselwirkungen aber nur in Arzneien ohne weitere Wirksubstanzen.

Diclofenac-Salben helfen ebenfalls gut, Schmerzen stumpfer Freizeit- und Sportverletzungen und Rheuma zu lindern. Wir können den Wirkstoff allerdings nur eingeschränkt empfehlen, da er sich mittlerweile als Umweltproblem entpuppt.

Auf Cayennepfeffer basierende Wirkstoffe steigern die Durchblutung. Mit Capsaicin und Cayennepfeffer-Dickextrakt eingesalbtes Gewebe fühlt sich deshalb für einige Stunden erwärmt an und wird schmerzunempfindlicher. Studien bestätigen nur eine Linderung von rheumatischen Beschwerden durch diesen Effekt, nicht aber von Schmerzen bei Sportverletzungen. Die Salben im Test sind allerdings nicht zu empfehlen, da sie mit Schadstoffen belastet sind.

Von Nonivamid und Nicoboxil in Kombination müssen wir abraten. Der Wirkzusatz Nicoboxil bringt keinen Vorteil gegenüber Salben, in denen nur der chemische Capsaicin-Nachbau Nonivamid steckt. Im Gegenteil: Das Nebenwirkungsrisiko erhöht sich.

Auch Arnikablütentinktur und Beinwellwurzel-Fluidextrakt sind nicht zu empfehlen. Es fehlen bis heute ausreichend wissenschaftliche Beweise, dass die pflanzlichen Wirkstoffe tatsächlich gegen Schmerzen und Entzündungen helfen.

Von Salben mit Campher können Sie bestenfalls einen oberflächlichen Kühlungseffekt erwarten. Dieser wird meist durch zusätzlich enthaltenen Alkohol oder ätherische Öle erzielt, die auf der Haut verdunsten. Für einen Effekt dieser Stoffe gegen Muskelschmerzen oder etwa rheumatische Beschwerden fehlen aber überzeugende wissenschaftliche Beweise.

So haben wir getestet

Einkauf

Wir haben 19 Salben und Gels gegen Muskel- und Gelenkbeschwerden in der Apotheke und in Drogerien eingekauft - darunter viele bekannte Marken. In den Mitteln stecken sowohl pflanzliche als auch gängige chemische Wirkstoffe wie Ibuprofen und Diclofenac.

Wirksamkeit und Nutzen

Helfen die Arzneien gegen Muskelschmerzen, Schmerzzustände des Haltungs- und Bewegungsapparates, Zerrungen und Verstauchungen? Diese Frage hat Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz für uns beantwortet. Der Experte vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Goethe-Universität Frankfurt bewertete für uns belastbare klinische Daten für die ausgelobten Anwendungsgebiete. Neben Wirksamkeit, Risiken und Nutzen der einzelnen Produkte beurteilte er auch die Beipackzettel und Produktinformationen.

Hilfs- und weitere Inhaltsstoffe

Einige problematische Hilfsstoffe lassen sich bereits anhand des Beipackzettels identifizieren. PEG/PEG-Derivate tragen etwa Stoffnamen wie Macrogol oder Poloxamer. Allergieauslösende Duftstoffe, Mineralölrückstände (MOAH) oder das starke Allergen Delta-3-Caren aus Fichtennadelöl entlarvte erst die chemische Analyse im Labor.

Bewertung

Was keine Schmerzen stillt, kann nur "mangelhaft" sein: Unsere Testnote hängt maßgeblich davon ab, ob die klinische Studienlage die Wirksamkeit einer Arznei zweifelsfrei belegt. Sind einzelne Hilfsstoffe problematisch, kann auch eine wirksame Salbe ein schlechtes Gesamturteil erhalten.

ÖKO-TEST Juni 2017

ÖKO-TEST Juni 2017
Erschienen am
26. Mai 2017

Preis: 4.50 €

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