Bauen / Wohnen
TEST vom 06. April 2017
Lackfarben, wasserbasierte
Good Lack
Lackfarben, wasserbasierte
Sie riechen weniger als lösungsmittelbasierte Farben, sind gesundheitlich weniger problematisch und zudem umweltverträglicher. Gänzlich ohne Schadstoffe kommen zwar auch wasserbasierte Lackfarben nicht aus. Im Test erweisen sich 15 von 20 Produkten jedoch als "sehr gut" oder "gut".

Ist der Lack ab oder sind Kratzer darin, liegt nicht nur sinnbildlich einiges im Argen. Dicke Schrammen an Türen, Fensterbänken und Fußleisten verlangen nach schneller Ausbesserung. Mit etwas Geschick und ein paar grundlegenden Tipps lassen sich die Stellen des Anstoßes auch ohne die Dienste eines Malers beseitigen.

Im Baumarkt stellt sich zunächst die Frage nach dem richtigen Werkstoff. Wasserbasierte Lacke sind in Innenräumen mittlerweile Standard, vielfach eignen sie sich aber auch für Anstriche von Gegenständen im Freien, beispielsweise Gartenbänke oder -tische. Fast alle haften gut auf Holz und die meisten auch auf Metall. Komplizierter ist es bei Kunststoffen, die je nach Art unterschiedlich mit Lacken reagieren. Hier lohnt sich ein Blick in die Herstellerangaben.

Außerdem bedarf es funktionstüchtiger Werkzeuge. Unser Experte Peter Hoffmann, Malermeister und Berufsschullehrer an der August-Bebel-Schule in Offenbach, rät Anfängern zum Lackierröllchen. Damit lasse sich der Lack großflächiger und vor allem gleichmäßiger auftragen als mit einem klassischen Pinsel. Außerdem empfiehlt er Schleifpapier in unterschiedlichen Ausfertigungen: relativ grobes für den Anschliff (Körnung 100) und feineres für den Zwischenschliff (Körnung 150-180). Bei sensiblen Materialien wie Kunststoffen sei ein weiches Schleifvlies vorzuziehen, um die empfindlicheren Oberflächen nicht zu beschädigen.

Zu Hause gilt es dann, den zu lackierenden Gegenstand von Schmutz- und Fettrückständen zu befreien - am besten mit einem handelsüblichen Ablauger. Der folgende Anschliff hat den Zweck, die Oberflächen aufzurauen und haftfähig zu machen. Bei harten und ebenmäßigen Untergründen ist es praktisch, das Schleifpapier um einen handlichen Schleifklotz zu wickeln, um eine homogene Fläche zu erhalten. Rohholz muss immer in Faserrichtung geschliffen werden, damit keine Schleifriefen entstehen.

Nachdem der Schleifstaub mit einem Mikrofasertuch entfernt ist, folgt in einem gut belüfteten Raum die Grundierung. In der Regel eignen sich die Lacke auch dafür. Kommen jedoch separate Produkte zum Einsatz, sollten sie ebenso auf Wasserbasis sein. Ist der Lack zu zähflüssig und lässt sich deswegen schlecht verstreichen, muss er verdünnt werden. Laut Peter Hoffmann ist destilliertes Wasser wegen seiner Reinheit hierbei zu bevorzugen. Bezüglich der richtigen Mischung könne neben etwas Fingerspitzengefühl auch ein Blick ins Internet hilfreich sein. Denn häufig finden sich entsprechende Empfehlungen in Technischen Merkblättern, die die Hersteller auf ihren Webseiten veröffentlichen. Viele raten zu maximalen Wasseranteilen von fünf bis zehn Prozent.

Beim Streichen gilt die Devise: erst die Kanten, dann die Innenflächen. In der Regel muss die Grundierung etwa einen halben Tag trocknen, bevor die Oberfläche mit dem sogenannten Zwischenschliff erneut angeraut, abgestaubt und anschließend lackiert werden kann. Nach dem Anstrich ist wieder Geduld gefragt. Viele Hersteller geben Trocknungszeiten zwischen acht und zwölf Stunden an, bis sich der lackierte Gegenstand entweder sehen lassen kann oder bereit für einen erneuten Schliff und Überstrich ist.

Auf gar keinen Fall dürfen flüssige Farben und Lacke danach in der Toilette oder im Spülbecken entsorgt werden. Getrocknete Reste von wasserbasierten Produkten, die keinen Entsorgungshinweis mit durchgestrichener Mülltonne tragen, können in den Restmüll gegeben werden. Alle anderen Lackreste sind Sondermüll und bei einer entsprechenden Sammelstelle abzugeben. Dosen gehören in die Gelbe Tonne, sofern auf ihnen ein Grüner Punkt zu finden ist.

ÖKO-TEST hat sich gefragt, welchen Schadstoffen sich Heimwerker aussetzen, wenn sie mit wasserbasierten Lacken gegen Schrammen und Macken vorgehen. Aus diesem Grund haben wir 20 Produkte einer ausführlichen Prüfung unterzogen.

Das Testergebnis

Keiner fällt durch. Drei Viertel der getesteten Produkte können wir empfehlen. Vier Lacke schneiden nur "befriedigend" ab und einer "ausreichend".

Dem Auge verborgen. Während des Lackierens und/oder Trocknens entweichen aus den getesteten Produkten flüchtige organische Verbindungen (VOC). Bei vielen sind die Gehalte äußerst gering, und alle liegen diesbezüglich unterhalb des EU-Grenzwerts von 130 Gramm pro Liter. In einigen Fällen hat unser Labor aber Gehalte über unseren Abwertungsgrenzen nachgewiesen.

Unter Verdacht. Aromatische Kohlenwasserstoffe, kurz Aromaten, gelten in größeren Mengen als fruchtschädigend und belasten das Nervensystem. Punktabzug gibt es deshalb für den Aqualux Decklack Innen und den Farrow & Ball All White.

Schlechte Lösung. Glykole und Glykolether fungieren mitunter als Lösemittel. Fünf getestete Lackfarben enthalten erhöhte Konzentrationen dieser teils problematischen Verbindungen. Die von uns beanstandeten Ethylenglykole üben eine reizende Wirkung auf die Augen aus. Den Auro Weißlack kritisieren wir wegen Dimethylaminoethanol und Abietinsäure, die als hautreizend beziehungsweise sensibilisierend gelten.

Weiche Faktenlage. Damit sich die Lackfarben möglichst geschmeidig auftragen lassen, nutzen einige Hersteller Ersatzweichmacher. Diese Alternativen zu bedenklichen Phthalaten sind aber noch nicht hinreichend erforscht. Deutliche Mengen des Ersatzweichmachers TXIB fand unser Labor im Toom Premium Weisslack, Vincent 2 in 1 Weisslack und Volvox Pro Aqua Presto Weißlack.

Schlechter Kontakt. Außer dem Auro Weißlack und dem Bio Pin Wohnen Decklack enthalten alle getesteten Produkte Isothiazolinone, von denen einige als starke Kontaktallergene gelten. Abwertungsrelevante Befunde weisen die Produkte von Hellweg und Hornbach auf. Im Relius Hydro A-Z Hauslack haben wir Formaldehyd/-abspalter gefunden, die Lacke und Farben ebenfalls konservieren können.

Bessere Aufklärung. Verbesserungsbedarf gibt es weiterhin bei der Angabe von Inhaltsstoffen, die wir auf fünf Gebinden vergeblich gesucht haben. Rechtlich ist daran zwar nichts auszusetzen, aus Verbrauchersicht ist das aber eindeutig zu wenig.

So reagierten die Hersteller

Akzo Nobel schreibt, das getestete Produkt Herbolux Aqua PU Satin, seidenglänzend richte sich an professionelle Verarbeiter. Aus diesem Grund sei es nicht für Privatverbraucher in Baumärkten erhältlich und werde auch keine Allergikerhotline auf dem Etikett angegeben. Für uns ist das eine fadenscheinige Argumentation. Schließlich können Privatverbraucher den Lack ebenso gut im Fachhandel kaufen. Und warum sollten sich professionelle Arbeiter nicht über Allergien informieren wollen?

Kompakt

Titandioxid: Pigment auf dem Prüfstand

Das Pigment Titandioxid ist in nahezu allen weißen Lacken und Farben enthalten und gilt wegen seiner hohen Deckkraft als alternativlos. Entsprechend hart könnte die Branche ein Vorschlag der französischen Agentur für Nahrungssicherheit, Umwelt und Arbeitssicherheit (Anses) treffen, die Substanz im Rahmen des europäischen Gefahrstoffrechts als "wahrscheinlich krebserregend" einzustufen. Die Forderung stützt sich auf Tierversuche, die bei Ratten Zusammenhänge zwischen Lungentumoren und der Aufnahme erhöhter Mengen Titandioxid in Staubform nachgewiesen haben. Anses befürchtet, dass ähnliche Risiken auch für Arbeiter bestehen, wenn sie bei der Herstellung von titandioxidhaltigen Produkten hohen Staubkonzentrationen des Pigments ausgesetzt sind. Bis November 2017 hat der Ausschuss für Risikobeurteilung der Europäischen Chemikalienagentur (Echa) Zeit, den Vorschlag zu bewerten. Die Vertreter der Farben- und Lackindustrie schlagen bereits jetzt Alarm. Eine harmonisierte Einordnung als karzinogene Substanz, so befürchten sie, könnte schlimmstenfalls ein Verkaufsverbot von titandioxidhaltigen Farben und Lacken an Heimwerker nach sich ziehen, auch wenn das Weißpigment darin gar nicht in Staubform vorliegt. Die zugrunde liegenden Studien seien darüber hinaus veraltet und nicht signifikant. In welche Richtung sich das Einstufungsverfahren entwickelt, ist bislang noch völlig ungewiss.

Alles im Lack

Gut geharzt

Die alten Chinesen haben ja bekanntlich vieles erfunden: vermutlich auch den Lack. Bereits in vorchristlicher Zeit nutzten sie den Rindensaft des Lackbaums als Bindemittel, um Gegenstände zu verzieren und zu schützen. Diese Doppelfunktion erfüllen Lacke bis heute, auch wenn die Rezepturen mittlerweile etwas ausgefeilter sind.

Auf der Flucht

Die nichtflüchtigen Inhaltsstoffe, die die Lackschicht bilden, lassen sich grob in drei Gruppen ordnen: a) Bindemittel, die für Haftung sorgen und den Schutzfilm bilden; b) farbgebende Pigmente, die sich mit den Bindemitteln vernetzen; c) Additive wie Konservierungsstoffe oder Weichmacher, die optional sind und dem Lack bestimmte Eigenschaften verleihen. Lösemittel entweichen beim Trocknungsvorgang. Sie werden deswegen als flüchtige Inhaltsstoffe bezeichnet und können schädlich für Umwelt und Gesundheit sein.

Nicht nur Wasser

Auch wasserbasierte Lacke, im Fachjargon Dispersionslacke, enthalten in der Regel geringe Mengen organische Lösemittel. Um gemäß Blauem Engel als schadstoffarm zu gelten, darf der Lösemittelanteil jedoch nicht mehr als etwa zehn Prozent betragen. Viele Produkte auf Wasserbasis führen in Anlehnung an das genutzte Bindemittel den Zusatz "Acryllack".

Der Blaue Engel

Seit 1980 gibt es das Umweltsiegel für schadstoffarme Lacke. Die aktuelle Fassung der Vergaberichtlinien resultiert aus dem Jahr 2011. Zertifizierte Produkte dürfen bezogen auf ihr Gewicht nur bis zu zehn Prozent Lösemittel enthalten. Verschiedene Konservierungsmittel sind in vorgegebenen Mengen erlaubt. Der maximal zulässige Isothiazolinon-Gesamtgehalt (BIT und MIT) beträgt 200 Milligramm pro Kilogramm, und die Konservierer müssen zusammen mit einer Allergikerhotline auf dem Gebinde genannt sein. Daran orientieren wir uns in unserer Abwertung. Weitere Inhaltsstoffe sind lediglich im Technischen Merkblatt anzugeben, was uns aus Verbrauchersicht zu wenig ist. Zu lasch sind uns auch die Anforderungen bezüglich flüchtiger organischer Verbindungen (VOC). Deswegen sammeln einige Testprodukte mit dem Blauen Engel in dieser Kategorie Minuspunkte.

ÖKO-TEST Mai 2017

ÖKO-TEST Mai 2017
Erschienen am
27. April 2017

Preis: 4.50 €

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