Geld / Recht
TEST vom 27. April 2017
Pflege-Zusatzversicherungen
Oft ein teurer Flop
Pflege-Zusatzversicherungen
Ein privater Pflegezusatzschutz bleibt auch nach der neuesten Reform wichtig. Denn trotz höherer staatlicher Leistungen müssen Betroffene mit einer großen finanziellen Lücke rechnen.

Wer einen Teil seiner körperlichen oder geistigen Fähigkeiten verliert, hat das Recht auf Geld vom Staat. Je nach Schwere der Einschränkung erhalten die Betroffenen eine Einstufung in einen Pflegegrad. Je höher die Einstufung, desto mehr Geld zahlt der Staat. Insgesamt gibt es seit Anfang 2017 fünf Pflegegrade statt bisher drei Pflegestufen. Wer nur sehr "gering" in seinem Alltag eingeschränkt ist, bekommt Pflegegrad 1. Wer "erheblich" in seiner Selbstständigkeit oder Fähigkeiten eingeschränkt ist, erhält bereits den Pflegegrad 2. Schwerste Einschränkungen mit Rund-um-die-Uhr-Betreuung führen zur höchsten Stufe, dem Pflegegrad 5.

Doch der gesetzliche Schutz bleibt eine "Teilkaskoabsicherung". Wer beispielsweise in Düsseldorf im historischen Kaiserswerth im "Stammhaus" der Diakonie gepflegt werden möchte, muss je nach Pflegestufe pro Monat für den Heimaufenthalt zwischen 4.949 und 3.334 Euro zahlen. Trotz staatlicher Leistungen liegt der Eigenanteil bei bis zu 3.210 Euro pro Monat, wie eine Übersicht des Pflegefinders der Betriebskrankenkassen zeigt

(www.bkk-pflegefinder.de).

Da geht nicht nur die Rente drauf. Auch die Ersparnisse dürften bald aufgebraucht sein. Betroffene werden dann zum Sozialfall. Das Sozialamt trägt zwar erst einmal die notwendigen Restkosten. Es kann sich aber seine Auslagen von unterhaltspflichtigen Kindern zurückholen. Wer sein Vermögen oder das seiner Familienangehörigen schützen möchte, sollte also eine private Pflegeversicherung abschließen.

Besonders flexibel ist die Pflegekostentagegeldversicherung. Hier kann der Pflegebedürftige das Geld nach eigenem Gutdünken einsetzen. ÖKO-TEST hat jetzt 139 Tarife von 31 Assekuranzen unter die Lupe genommen. Untersucht wurden Angebote für 35- und 65-jährige Erwachsene sowie für einjährige Kinder. Für Kinder sollte in Pflegegrad 5 mindestens ein Tagegeld von 100 Euro und für Erwachsene von 60 Euro zur Verfügung stehen.

38 Angebote konnten an der Untersuchung nicht teilnehmen, weil sie nicht in ausreichender Höhe leisten oder ältere Kunden den Tarif nicht mehr abschließen können. Der Dortmunder Versicherer Continentale verweigerte die Teilnahme. Die Inter Versicherung und der Münchener Verein sagten ab, weil sie ihre Angebote derzeit überarbeiten.

Das Testergebnis

Mehr Flop als mit Top. Je zwei Tarife Kinder und für 35- und 65-Jährige erreichen den 1. Rang. Weitere drei, fünf und neun Angebote bewerten wir mit dem 2. Rang. Am anderen Ende finden sich insgesamt 53 Tarife auf dem 5. und dem 6. Rang.

Viele Fallstricke in den Bedingungen: Bei den günstigen Tarifen PflegeSTART der Signal Versicherung beispielsweise müssen die Kunden beachten, dass in den Pflegegraden 1 bis 3 nur Leistungen erfolgen, wenn die Pflegebedürftigkeit aus einem Unfall resultiert. Billig und nicht gut ist der Olga flex.RI der Halleschen. Er sei eine "kleine Revolution am Pflegemarkt" titelt euphorisch der Dienstleister Insuro. Andere schwärmen, der Halleschen sei ein "sauberes und verbraucherfreundliches Tarifwerk gelungen". ÖKO-TEST hält den Tarif dagegen für gefährlich. Es werden nämlich keine Altersrückstellungen aufgebaut. Daher ist das Angebot gnadenlos günstig. Für unseren 35-jährigen Musterkunden verlangt die Hallesche im Monate ganze 3,60 Euro. Dagegen kostet der leistungsmäßig identische Tarif Olgaflex.AR, der mit Altersrückstellungen kalkuliert ist, mehr als zwölfmal so viel, nämlich 43,80 Euro. Der gefährliche Haken des Sonderangebots: Mit 60 Jahren muss der Kunde in den Olgaflex.AR wechseln und nach heutigem Stand monatlich 138,60 Euro zahlen. In 25 Jahren ist er sicherlich noch erheblich teurer. Das heißt: Gerade wenn das Risiko steigt, zum Pflegefall zu werden, wird der Schutz möglicherweise unbezahlbar. Tarife ohne Altersrückstellungen haben wir daher nicht berücksichtigt.

Kalkulation oft Geheimsache. Ein weiterer Fallstrick, den die Kunden noch viel schwerer erkennen können, ist der Rechnungszins. "Angesichts der Niedrigzinsphase gewinnt der für die Tarifkalkulation verwendete Rechnungszins deutlich an Bedeutung", erläutert der Versicherungsmathematiker Peter Schramm aus Diethardt im Taunus. Denn ein großer Teil der Prämien wird am Kapitalmarkt angelegt, um Altersrückstellungen aufzubauen. Für die Kalkulation der Prämien wurden die angelegten Gelder jahrzehntelang bei allen Anbietern rechnerisch mit 3,5 Prozent verzinst. Doch angesichts des Zinsverfalls hat die Branche immer mehr Schwierigkeiten, diesen Rechnungszins zu erwirtschaften. Viele Unternehmen haben ihn daher bereits auf unter drei Prozent gesenkt. Wird mit einem geringeren Zins kalkuliert, müssen die Beiträge erhöht werden, damit im Alter das gleiche Kapital zur Verfügung steht. "Für Versicherte ist es also beim Kauf einer Police von Bedeutung, mit welchem Rechnungszins der Tarif kalkuliert wurde. Bei einem hohen rechnerischen Zins ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser gesenkt wird und die Beiträge dann deutlich steigen, jedenfalls sehr hoch", schätzt Experte Schramm. Das erklärt möglicherweise auch, warum 13 am Test teilnehmende Versicherer - also fast 42 Prozent - uns nicht in die Karten schauen ließen und eine Angabe zum Rechnungszins verweigert haben. Um zu einem fairen Vergleich zu kommen, haben wir in unseren Berechnungen den Rechnungszins und die Weigerung, ihn anzugeben, berücksichtigt.

Pflege-Bahr patzt erneut. Nur der Central.pflege der Central Versicherung schafft es ganz knapp sowohl für einen 35-Jährigen als auch für einen 65-Jährigen auf den dritten Rang. Drei weitere Angebote erreichen den Rang 4. Der Rest - 32 von 37 mit fünf Euro im Monat staatlich geförderte Tarife (Pflege-Bahr) - fällt wie im letzten Test mit "mangelhaft" oder "ungenügend" durch. Denn sie sind zu teuer und weitere kräftige Preiserhöhungen sind nicht nur nach unserer Einschätzung sehr wahrscheinlich. So warnt die Continentale Versicherung vor einer sogenannten Antiselektion: Gesunde würden ungeförderte abschließen und Kranke den Pflege-Bahr. Der Grund: Für Pflege-Bahr-Tarife gibt es keine Gesundheitsprüfung, die Versicherer müssen jeden nehmen - auch Kunden, die wegen einer Vorerkrankung keine ungeförderte Versicherung mehr bekommen. Daher schätzt die Gothaer Versicherung, dass sich die Konstruktion des Pflege-Bahrs "langfristig negativ auf Sicherheit und Finanzierbarkeit" auswirkt. "Das nicht planbare Risiko möchten wir unseren Kunden nicht aufbürden", so der Versicherer. Kommt es ab 2018, wenn die Kunden nach der vorgeschriebenen Wartezeit von fünf Jahren erstmalig Leistungen aus den Bahr-Tarifen erhalten können, zu deutlichen Beitragserhöhungen, dürften die noch gesunden Versicherten in ungeförderte Angebote umsteigen. Kranke sind dann doppelt gefangen. Sie können nicht in freie Tarife umsteigen und müssen weitere Erhöhungen hinnehmen, wenn sich die letzten Gesunden aus dem Kollektiv verabschiedet haben. Nach Meinung des Verbandes der privaten Krankenversicherung hat Pflege-Bahr dennoch eine besondere sozialpolitische Bedeutung. Denn er mache Menschen mit geringem Einkommen oder Vorerkrankungen die private Vorsorge überhaupt erst möglich. Tatsächlich reichen aber die Leistungen der staatlich geförderten Vorsorge hinten und vorne nicht. So erhält aus den Testtarifen ein Versicherter selbst als Schwerstpflegefall im Heim mit Pflegegrad 5 im besten Fall 38 Euro Tagegeld, im schlechtesten Fall sind es nur 20 Euro. Umgerechnet auf den Monat dürften 600 Euro schon gar nicht und 1.140 Euro ebenfalls nicht reichen, um die gesetzliche Pflegelücke zu schließen.

Günstige Notfallabsicherung für Kinder. Für ein Kind zahlen die Eltern für eine sehr gute oder gute Absicherung zwischen 11 und 12 Euro. Im höchsten Pflegegrad ermöglicht ein Schutz von 3.000 Euro monatlich, dass ein Elternteil sich weitgehend um das betroffene Kind kümmern kann. Für Kinder ist die private Pflegeversicherung damit die optimale Absicherung für den schlimmsten Fall. "Existenzieller Invaliditätsschutz über eine Pflegeversicherung ist keine schlechte Idee", bestätigt Georg Pitzl, Versicherungsberater aus Mering bei Augsburg. Denn die Produkte sind extrem günstig, weil das Risiko, dass ein Kind nach Unfall oder Krankheit lebenslang zum Invaliden wird, zum Glück gering ist.

Interview

"Worst-Case-Szenario" vermeiden

Christoph Dittrich ist Geschäftsführer softfair GmbH

ÖKO-TEST: Die aktuelle Pflegereform hilft Pflegebedürftigen mit mehr Leistungen. Sind private Pflegezusatzversicherungen nun nicht mehr notwendig?

Dittrich: Die Reform ist ein erheblicher Fortschritt. Ganz besonders für Personen mit kognitiven oder psychischen Beeinträchtigungen. Zum Beispiel für Demenzerkrankte. Allerdings reichen die gesetzlichen Leistungen bei Weitem nicht aus, um die Kosten einer Pflege vollständig zu decken. Sich gegen Pflegebedürftigkeit privat abzusichern, bleibt deshalb weiterhin notwendig.

Ist der Markt der privaten Pflegezusatzversicherung transparenter geworden?

Nein, eine größere Transparenz gibt es meines Erachtens nicht. Gleichzeitig wird dieses hochsensible Thema totgeschwiegen. Wenn man die Zahl der gesetzlich Versicherten mit rund 70 Millionen gegenüberstellt, besitzen gerade einmal drei Prozent der gesetzlich Versicherten eine Pflegezusatzversicherung. Hier herrscht noch absoluter Aufklärungsbedarf.

Warum gestalten die Assekuranzen die Tarife so unterschiedlich?

Jeder Produktanbieter hat eine andere Philosophie, welche Leistungsmerkmale ein Tarif haben soll. Das ist nicht anders als beim Autobauer und der Frage, welche Sonderausstattung im Grundpreis enthalten sein soll. Auch die Frage, ob - und wenn ja - welche Leistungen optional hinzubuchbar sein sollen, wird von Versicherer zu Versicherer unterschiedlich bewertet.

Wie schwierig ist es in der Praxis das Thema Pflege anzusprechen?

Ich beobachte, dass das Thema aus Kunden- und häufig auch aus Vermittlersicht fest mit dem Worst-Case-Szenario eines schwerkranken, bettlägerigen, bewegungs- und kommunikationsunfähigen Patienten verbunden ist. Die Hemmungen, ein solch düsteres Bild am Beratungstisch zu zeichnen, kann man durchaus nachvollziehen. Wichtiger und richtiger finde ich es, das Pflegekostenrisiko in dem Kontext anzusprechen, in dem es sich in erster Linie realisiert. Und das ist weniger im Zusammenhang mit Pflegegrad 5, sondern eher im Bereich der Pflegegrade 1 bis 3. Innerhalb unserer Beratungssoftware bieten wir mit einer umfassenden Bedarfsermittlung die optimale Gesprächsunterstützung.

ÖKO-TEST Juni 2017

ÖKO-TEST Juni 2017
Erschienen am
26. Mai 2017

Preis: 4.50 €

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