Kosmetik / Pflege / Mode
TEST vom 11. Mai 2017
Gesichtscremes, teure
Mehr Schein als Sein
Gesichtscremes, teure
Bekommt man für mehr Geld tatsächlich mehr Qualität bei Gesichtscremes? Oder zahlt man für geschicktes Marketing einfach drauf? Unser Test an 23 Gesichtscremes, die zwischen 15 und 45 Euro pro Tiegel kosten, zeigt: Am Preis lässt sich die Qualität nicht ablesen.

Kosmetikabteilungen und Parfümerien sind beliebte Anlaufstellen, wenn es darum geht, ein bisschen Luxus zu verschenken. Wer ihren Innenraum betritt, den umhüllt sofort eine dichte Duftwolke. Die einen mögen das als angenehm empfinden. Den anderen bleibt glatt die Luft weg. Und was für Parfümdämpfe gilt, lässt sich auch auf Wirkversprechen übertragen. Fast bedrohlich erscheint manch ein Szenario: "Frühzeitige Hautalterung", "oxidativer Stress", "schädliche Sonnenstrahlen" und "freie Radikale" heißen die Feinde der Haut, gegen die sie die Wundercremes verteidigen sollen. Es scheint, als hätten sämtliche Umwelteinflüsse zum Angriff gegen die menschliche Außenhülle geblasen. Ein ganzes Arsenal wird eingesetzt, um sie in Schach zu halten: An vorderster Front kämpft das "Phytocollagen" neben den "Stammzellen der Schwarzwaldrose", die Abwehrraketen des "Sensitivity Reducing Complex"-Systems erledigen den Rest. "Normale Produkte, ist die unterschwellige Message, reichen nicht aus. Es müssen ‚Spezialwaffen' her, um die Feinde zu besiegen. Dass solche Produkte ihren Preis haben, versteht sich von selbst. So wird auch der Begriff ‚erste Fältchen' zu einem Sesam-öffne-dich. Er schafft den Zugang zu den unter 30-Jährigen und garantiert lukrative Geschäfte", schreibt Rita Stiens in ihrem Buch Schön um jeden Preis?. "Gekauft wird die ‚Message'. Sie ist der Nährboden, auf dem die Marketingausgaben reichlich Früchte tragen."

Gemeinsam mit dem Markt- und Konsumpsychologen Professor Georg Felser vom Fachbereich für Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule-Harz sind wir unserem Kaufverhalten auf den Grund gegangen:

Was sagt der Preis über die Qualität? Untersuchungen von ÖKO-TEST und verschiedene Marktstudien zeigen, dass ein hoher Preis bei Kosmetik nicht zwingend für gute Qualität steht. Verbreiteter als dass ein hoher Preis gute Qualität anzeige, ist die Annahme, billige Produkte seien schlechter, so Felser. Das setzt voraus, dass der Kunde den Preis überhaupt in Relation setzen kann, also die Preisspanne in dem Produktsegment kennt. Aber er betont: "Im großen Bereich Nahrungsmittel/Gesundheit/Kosmetik findet sich in mir bekannten Studien kein nachweisbarer Zusammenhang zwischen Preis und Qualität."

Wie wichtig ist die Kaufumgebung? Wo ein Produkt angeboten wird, ist maßgeblich dafür, wie wir es wahrnehmen. Sehen wir es in einer Parfümerie, kann das Verkaufsumfeld dafür sorgen, dass wir angesichts der Aura von Exklusivität bereit sind, mehr auszugeben als etwa in der Drogerie.

Welchen Einfluss hat Werbung? Werbung beeinflusst, was wir mit einem Produkt verbinden. Marktforscher Felser: "Werbung soll vorprägen, ein Image aufbauen. Sie soll beispielsweise ein Produkt in den Kontext bereits vorhandener Produkte stellen. Genau wie das Produktdesign soll Werbung sagen: ‚Dieses Produkt ist so wie alle anderen dieser Marke - was dir an den anderen gefallen hat, wird dir hier auch gefallen'".

Was kann ich selbst tun? Nichts überstürzen. Professor Felser rät, nicht impulsiv zu kaufen und Produkte und Preise zu vergleichen. Zwar halte sich bei relativ geringen Ausgaben wie für Kosmetik der anschließende Katzenjammer in Grenzen, doch der Konsumforscher ist überzeugt: "Ihre Nettofreude ist viel größer, wenn Sie noch einen Tag länger warten und sich darauf freuen."

Wir haben untersuchen lassen, für welche der 23 Gesichtscremes im Test Sie ohne Gesundheitsbedenken etwas mehr zahlen können und die Hersteller um Belege für ihre Wirkversprechen gebeten.

Das Testergebnis

Weniger ist mehr. Elf Produkte erhalten ein "sehr gutes" Testergebnis Inhaltsstoffe. Beim Gesamturteil reicht es aber nur sechsmal zur Bestnote: Einige werden mit Wirkversprechen beworben, die die Hersteller nicht belegen konnten. Auch unbedenkliche Inhaltsstoffe vollbringen keine Wunder. Fünf der vermeintlich höherwertigen Cremes schneiden sogar "ungenügend" ab, darunter das mit knapp 52 Euro teuerste Produkt im Test. Das beweist: Am Preis lässt sich die Qualität nicht ablesen.

Gleichgewichtsstörung. Zehn Cremes setzen auf künstliche Fette und Öle. Die sind für die Hersteller in der Anschaffung billiger, fügen sich aber bei Weitem nicht so gut ins Hautgleichgewicht ein wie natürliche Öle und Fette.

Schleuser. PEG/PEG-Derivate, die die Haut durchlässiger für Fremdstoffe machen können, stecken in acht Cremes. Das ist vor allem bedenklich, wenn weitere Problemstoffe wie das fortpflanzungsgefährdende Propylparaben und künstlicher Moschusduft, der sich im menschlichen Fettgewebe anreichert, enthalten sind. Kritisch sehen wir auch den Mix aus drei allergisierenden Duftstoffen in der Lancôme Nutrix Creme.

Bescheidenheit ist eine Tugend. Neun Produkte wollen mehr als Pflegecremes sein. Aber den Alterungsprozess aufhalten können Kosmetika nicht. Wir baten Hersteller, die besonders viel Wirkplus versprechen, dies zu belegen. Nur vier reichten vollständige, produktbezogene Studien ein. Allerdings belegen auch diese nicht schlüssig, dass die Cremes gegenüber einer einfachen Pflegecreme einen Vorteil bieten. Die sechs "sehr guten" Cremes beweisen: Man kann richtig gute Kosmetik auch ohne große Worte verkaufen.

ÖKO-TEST Juni 2017

ÖKO-TEST Juni 2017
Erschienen am
26. Mai 2017

Preis: 4.50 €

» Inhalt anzeigen