Kosmetik / Pflege / Mode
TEST vom 11. Mai 2017
Handcremes
Gar nicht dufte
Handcremes
Handcremes sind Alltagshelfer gegen trockene und strapazierte Hände. Von 25 Testprodukten können wir 17 mit "sehr gut" empfehlen. Einen besseren Notenschnitt verhindern umstrittene Inhaltsstoffe wie der künstliche Duftstoff Lilial.

Es ist flüssig, gelblich bis farblos und riecht nach Maiglöckchen: Butylphenyl Methylpropional oder schlicht Lilial. Der Duftstoff findet sich in vielen Handcremes und ist auch sonst häufiger Bestandteil parfümierter Pflegeprodukte und Waschmittel. Darüber hinaus kommt das Aldehyd etwa in Farben, Polituren, Kleidung und Spielzeug vor. Weitere gängige Handelsnamen und Kürzel sind Lysmeral Extra, Lilestralis, Monstral Red B, Chinacridon oder BMHCA.

Der Grund für die häufige Verwendung ist klar: Weil es viele Nasen mögen! Allerdings ist Lilial bei Weitem nicht so harmlos wie es sein frühlingshafter Duft vermuten lässt. Schwerer als ein verhältnismäßig niedriges Allergiepotenzial wiegt die Tatsache, dass es sich in Tierversuchen als fortpflanzungsgefährdend erwiesen hat. In einer BASF-Studie aus dem Jahre 2006 beispielsweise führte die Aufnahme von Lilial über die Nahrung bei männlichen Ratten zu schrumpfenden Hoden und bei Weibchen zu Totgeburten.

Kein Wunder daher, dass Lilial zumindest umstritten ist. Bereits seit 2012 wird über eine Neubewertung als CMR2-Stoff im Rahmen der Europäischen Chemikalienverordnung (REACH) diskutiert. Die Kategorie CMR2 beinhaltet Substanzen, für die aufgrund von Tierversuchen vermutet wird, dass sie auch für Menschen krebserregend, erbgutverändernd oder eben fortpflanzungsschädigend sind.

Im Falle von Lilial würde sich die Einordnung auf einen weiteren Rechtsbereich auswirken. Die EU-Kosmetikverordnung nämlich verbietet CMR2-Stoffe in Pflegeprodukten. Ausnahmen sind möglich, wenn es sich um "technisch unvermeidbare Spuren" handelt oder glaubhafte wissenschaftliche Studien belegen, dass niedrige Konzentrationen in bestimmten Produktgruppen unbedenklich sind. Um einem möglichen Komplettverbot von Lilial vorzubeugen, beantragte die IFRA (International Fragrance Association) - die Lobbyvereinigung der Parfümindustrie - im Jahr 2013 bei der EU-Kommission eine konzentrationsabhängige Zulassung.

Das wissenschaftliche Beratergremium der EU-Kommission (SCCS) kam jedoch im August 2015 zu dem Schluss, dass die von der IFRA angeführten Studien und Berechnungen eine Ausnahmeregelung nicht rechtfertigen. Aufgrund der unsicheren Datenlage sei die Nutzung sowohl in abwaschbaren (Rinse-off-) als auch in auf der Haut verbleibenden (Leave-on-) Kosmetika "nicht sicher". Deshalb wertet ÖKO-TEST Lilial in Pflegeprodukten konsequent ab.

Gesundheitsrisiken sind laut SCCS vor allem dann zu befürchten, wenn sich Lilial in hohen Konzentrationen im Blut anreichert. Das Komitee beruft sich auf den "Margin of Safety", ein kalkulierter Sicherheitsabstand. Ein Stoff gilt als "sicher", wenn die höchste Dosis, die in Tierversuchen keine Schäden verursacht hat, mindestens dem 100-Fachen der geschätzten üblichen Tagesaufnahmemenge entspricht. Bei Lilial befürchtete das SCCS aber bereits beim 53-Fachen Gesundheitsrisiken.

Deshalb liegt der Ball nun wieder bei der IFRA. Anfang 2017 will diese ein überarbeitetes Dossier mit neuen Daten zur Genotoxizität (also der Auswirkung von Lilial auf die Gene) und zur Aufnahme der Substanz über die Haut vorlegen. Besonders strittig ist nämlich weiterhin, wie stark Lilial durch die Haut dringt. IFRA Scientific Director Dr. Matthias Vey hofft, dass durch die zusätzlichen Daten das SCCS zu einer neuen, weniger kritischen Einschätzung kommt.

Wann und ob es so kommen wird, ist derzeit unklar. Sobald das Dossier vorliegt, werde dem SCCS voraussichtlich ein weiteres Mandat zur Neubewertung von Lilial in kosmetischen Produkten erteilt, heißt es auf Nachfrage bei der EU-Kommission. Ähnlich verhält es sich mit dem Stoffbewertungsverfahren unter REACH. Auch hier sind neue Studien angefordert, die Einteilung von Lilial als CMR2-Stoff lässt also weiter auf sich warten.

ÖKO-TEST hat sich gefragt, ob Handcremehersteller trotz der streitbaren Lage weiter auf Lilial setzen. Wir haben 25 Produkte ins Labor geschickt und diese auch auf andere schädliche Inhaltsstoffe überprüfen lassen.

Das Testergebnis

Naturkosmetika weiter top. Die acht naturzertifizierten Produkte sind alle frei von bedenklichen und/oder umstrittenen Inhaltsstoffen und damit "sehr gut". Neun der 17 nicht zertifizierten Handcremes sind ebenfalls ohne Makel. Dann geht es bergab: fünf Cremes sind "ausreichend" und eine "ungenügend".

Problemstoff Lilial. In drei Produkten steckt der umstrittene Duftstoff. Dass Lilial in den Naturkosmetikprodukten kein Problem ist, ist kein Zufall. Der künstliche Duftstoff ist hier Tabu.

Hände weg. Das Schlusslicht im Test, die Neutrogena Norwegische Formel Handcreme mit Nordic Berry, enthält die halogenorganische Verbindung Chlorphenesin, PEG/PEG-Derivate und außerdem Paraffine. Letztere sind Fette aus Erdöl, die sich nicht so gut ins Gleichgewicht der Haut integrieren wie natürliche Öle. PEG/PEG-Derivate können die Haut durchlässiger für Fremdstoffe machen. Chlorphenesin gilt als allergieauslösend.

Erfreulich. Mittlerweile verzichten die meisten Hersteller auf bedenkliche Konservierungsstoffe. Lediglich eine Creme, die Florena Intensive Feuchtigkeit Handcreme Aloe Vera, enthält Propylparaben. Zum Vergleich: In unserem Handcreme-Test 2012 waren noch 16 von insgesamt 25 Handcremes mit mindestens einem bedenklichen Paraben konserviert.

So reagierten die Hersteller

Weleda rechtfertigt den Umkarton der Weleda Sanddorn Handcreme mit den empfindlichen Alutuben. Deren Inhalt sei frei von synthetischen Konservierungsstoffen und etwa durch spitze Kanten beim Transport leicht zu beschädigen.

Experte

Neue Mixturen sind nicht immer besser

"Wird eine Substanz aus Gründen der Produktsicherheit aus einer Rezeptur entfernt und durch eine andere ersetzt, ist der Hersteller mit der sogenannten Ersatzstoffproblematik konfrontiert. Ist der Ersatzstoff wirklich "sicherer" als der ursprüngliche Stoff? Niemandem ist damit gedient, wenn ein toxikologisch gut untersuchter Stoff durch einen ersetzt wird, bei dem man wenig zu den unerwünschten Effekten weiß. Der Ersatz der Parabene durch Methylisothiazolinone (MIT) ist ein eklatantes Beispiel dafür. In der Folge beobachteten wir in unserem Datenverbund (IVDK) eine Zunahme der Kontaktallergien gegen MIT um etwa 600 Prozent innerhalb von drei Jahren."

Professor Dr. med. Axel Schnuch vom Informationsverbund Dermatologischer Kliniken/Universität Göttingen.

Kompakt

Lilial als Kontaktallergen

Lilial gehört zu den 26 deklarationspflichtigen allergenen Duftstoffen. Diese müssen seit 2003 mit ihren INCI-Namen auf den Verpackungen deklariert sein, wenn sie eine Konzentrationsgrenze von mehr als 10 mg/kg in Leave-on-Produkten und mehr als 100 mg/kg in Rinse-off-Produkten überschreiten. Im Falle von Lilial ist die Bezeichnung Butylphenyl Methylpropional. Das SCCS proklamiert den Duftstoff als "moderates" Allergen. Kontaktallergieexperte Prof. Dr. med. Axel Schnuch vom Informationsverbund Dermatologischer Kliniken (IVDK) an der Universität Göttingen geht noch ein Stück weiter: Lilial sei unter den 26 Kontaktallergenen eines der harmlosesten. Eine Risikobetrachtung hat ergeben, dass Hautreizungen in Relation zur geschätzten Tagesaufnahmemenge eher selten sind.

Allergierisiko in Handcremes

Fest steht, dass Lilial von der Haut absorbiert wird. In welchem Maße, ist allerdings weiterhin strittig. Die Substanz dürfte an den Händen jedoch eher schwächer durch die Haut dringen, schätzt Professor Schnuch. Die Hornschicht sollte dafür sorgen, dass weniger absorbiert wird als beim Auftragen von lilialhaltigen Pflegeprodukten auf andere Körperteile. Allerdings können sich Risse und Wunden, wie sie an Händen relativ häufig vorkommen, negativ auswirken und für eine stärkere Lilial-Aufnahme sorgen.

ÖKO-TEST Juni 2017

ÖKO-TEST Juni 2017
Erschienen am
26. Mai 2017

Preis: 4.50 €

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