Bauen / Wohnen
News vom 19. April 2017
Im Interview

Im Interview
Neunfamilienhaus ohne Stromanschluss

Renato Nüesch ist Energiefachmann bei der Umwelt Arena Spreitenbach Schweiz. Foto: Privat
Die Umwelt Arena Spreitenbach Schweiz errichtete in Brütten in der Schweiz das erste energieautarke Mehrfamilienhaus, das ohne zugeführte Energie von außen und damit auch ohne Stromanschluss auskommt. ÖKO-TEST fragte den Energiefachmann des Unternehmens Renato Nüesch, wie das geht.

ÖKO-TEST: Wie wird die Energie erzeugt?

Renato Nüesch: Die einzige Energiequelle ist die Sonne. Die gesamte Fassade besteht aus nicht spiegelnden Dünnschichtsolarzellen, die durch die mattierte Oberfläche gar nicht so technisch aussehen. Hinzu kommen sehr leistungsfähige Module auf dem Dach – die gesamte Photovoltaik ist also in die Gebäudehülle integriert. Außerdem wird mit dem gewonnenen Strom eine Wärmepumpe betrieben, welche die Außenluft, Erdwärme und Abwärme aus den Technikräumen oder Wärme aus dem Langzeitspeicher nutzt. Eine Stunde Sonnenschein reicht, um den Energiebedarf des Hauses und der Bewohner einen Tag lang sicherzustellen.

ÖKO-TEST: Wie wird die überschüssige Energie gespeichert?

Renato Nüesch: Kurzfristig – für wenige Tage – wird der Strom in Batteriespeichern zwischengespeichert. 88 Prozent der Energie fließen jedoch über eine Wärmepumpe in einen thermischen Langzeitspeicher, der ¼ Million Liter Wasser umfasst, das in großen Güllefässern unter dem Keller gelagert wird. Damit werden die Räume beheizt und Warmwasser erzeugt oder es dient als Quelle für die Wärmepumpe. Das Besondere am Projekt ist jedoch ein Wasserstoffspeicher im Erdreich, der es ermöglicht, auch im Winter wieder Strom bereitzustellen.

ÖKO-TEST: Das Gebäude ist seit Mitte 2016 bewohnt, wie sind die ersten Erfahrungen?

Renato Nüesch: Der Winter war ein echter Härtetest: extrem viel Nebel, wenig Sonne und überdurchschnittlich kalt. Aber alles hat bestens funktioniert; die Bewohner sind stolz und es gab keine Beschwerden. Seit im Februar die ersten Sonnenstrahlen kamen, wurde auch schon wieder Wasserstoff erzeugt.

ÖKO-TEST: Wie sieht es mit den Kosten aus?

Renato Nüesch: Das Projekt ist zunächst rund 15 Prozent teurer, dabei aber auch sehr hochwertig und mit den besten Haushaltsgeräten bestückt. Die Mehrkosten sind in die Miete eingerechnet. Dennoch zahlen die Mieter nicht mehr als in vergleichbaren Wohnungen, weil die Energiekosten komplett entfallen. Der Wasserstoffbereich ist jedoch eine Pionierleistung und nicht in die Kosten eingerechnet. Außerdem sollte man bedenken, dass die Photovoltaikfassade auf lange Sicht unterm Strich sogar günstiger ist als eine Putzfassade, die nach 10 bis 15 Jahren renoviert werden muss. Die Photovoltaikelemente der Fassade halten mindestens 30 Jahre und sie produzieren Strom!

Ausführliche Informationen dazu in der Ausstellung "Energieautarkes Mehrfamilienhaus" in der Umwelt Arena Schweiz. Themenführungen sind buchbar über www.umweltarena.ch

ÖKO-TEST Juni 2017

ÖKO-TEST Juni 2017
Erschienen am
26. Mai 2017

Preis: 4.50 €

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