Essen / Trinken
News vom 16. Mai 2017
Im Gespräch

Im Gespräch
"Mit Bier ist es wie mit Brot"

"Mit Bier ist es wie mit Brot", sagt Sebastian Sauer, einer der ersten Craft-Bier-Brauer Deutschlands. Foto: Finger
Über das sogenannte „Reinheitsgebot“ streiten sich Brauer und Biertrinker. In seiner Urform von 1516 besagt es, dass zur Herstellung von Bier nur Gerste, Hopfen und Wasser verwendet werden dürfen. Rechtlich bindend ist in Deutschland hingegen das "Vorläufige Biergesetz" von 1993, wonach (fast) nur Malz, Hopfen, Hefe und Wasser zugelassen sind. Für obergäriges Bier sind zusätzlich einige Zuckerarten und Farbmittel erlaubt. Außerdem dürfen Brauer einige Klärmittel verwenden, wenn diese wieder herausgefiltert werden.

Vier Fragen an Sebastian Sauer, der trotz seiner erst 29 Jahre einer der ersten Craft-Bier-Brauer Deutschlands ist und vom Reinheitsgebot mal so gar nichts hält.

ÖKO-TEST: Herr Sauer, wir haben Biere mit Espressobohnen, Birkensaft oder Koriander im Test – einigen Bierliebhabern bei uns in der Redaktion dreht sich da schon beim Hören der Magen um. Gibt es bei all den Malz- und Hopfensorten nicht genug Möglichkeiten, innerhalb des Reinheitsgebots gutes Bier zu brauen?

Sebastian Sauer: Doch, die gibt es, klarer Fall! Aber mit Bier ist es wie mit Brot: Natürlich kann ich mit vier Zutaten ein gutes Brot backen. Aber wenn ich zum Beispiel Sesam, Karottenstücke oder geröstete Walnüsse verwende, bekomme ich eine viel größere Vielfalt. Und so ist es beim Bier eben auch. Schade, wenn einem diese Vielfalt hier entgeht und man dafür nach Belgien oder in die USA fahren muss. Ich mag Freiheiten jeglicher Art – und das Reinheitsgebot schränkt die Kreativität ein.

ÖKO-TEST: Stichwort Belgien oder die USA – im Ausland schert sich natürlich niemand um das Reinheitsgebot, das ausländische Bier wird in Deutschland aber als Bier verkauft ...

Sebastian Sauer: Genau! Das ist Diskriminierung von Inländern! Ich wohne hier im Dreiländereck – ein paar Kilometer weiter in Belgien können sie Bier brauen, wie sie wollen, und es hier verkaufen; ich darf das nicht einfach. Aber ich kann ja wenigstens eine Sondergenehmigung beantragen. Die Bayern und Baden-Württemberger haben da überhaupt keine Chance.

ÖKO-TEST: "Alles kann rein" darf die Alternative aber auch nicht heißen, oder?

Sebastian Sauer: Nein, natürlich nicht. Das ist ja das, wovor die Verfechter des Reinheitsgebots immer warnen. Angeblich strotzen die Zutatenlisten der belgischen Biere ja nur so vor E-Nummern, sagen sie. Aber keiner will künstliche Aromen oder Farbstoffe im Bier – das kann man nur auch ohne das veraltete Reinheitsgebot regeln. Und letztlich bewegt man sich mit diesen Gesetzen schnell im Bereich der Bevormundung: Lassen wir den Kunden doch entscheiden, was er trinken will.

ÖKO-TEST: Können Sie am deutschen Reinheitsgebot denn nicht ein einziges gutes Haar lassen?

Sebastian Sauer: Wenn es wenigstens ein wirkliches Reinheitsgebot wäre! Aber so, wie es derzeit angewendet wird, ist es nicht mehr als ein Marketinginstrument der deutschen Bierindustrie, um sich von anderen Bieren abzugrenzen und sich mit dem Begriff der "Reinheit" zu schmücken. Es lässt industrielle Prozesse zu, in denen Filterstoffe wie Kieselgur oder PVPP eingesetzt werden. Das kann mir keiner erzählen, dass die am Ende komplett rausgefiltert werden. Zu 100 Prozent geht das nicht. Und dann kommt da das Label "Reinheitsgebot" drauf und kein Kunde sieht, was da eigentlich drin ist. Das ist erlaubt, aber Koriander oder andere natürliche Zutaten nicht. Das macht einfach keinen Sinn.

ÖKO-TEST Juni 2017

ÖKO-TEST Juni 2017
Erschienen am
26. Mai 2017

Preis: 4.50 €

» Inhalt anzeigen