Gesundheit / Medikamente
News vom 30. Mai 2017
Im Gespräch

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"Die Eine-Woche-Regel für Antibiotika ist frei erfunden"

"Die Eine-Woche-Regel für Antibiotika ist frei erfunden", sagt Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer. Foto: MedizinFotoKöln (MFK)
Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie und Leiter der Infektiologie an der Uniklinik Köln.

ÖKO-TEST: Patienten sollten ein Antibiotikum mindestens sieben Tage lang einnehmen und immer die gesamte Packung leeren. Experten der Weltgesundheitsorganisation haben an der weit verbreiteten Eine-Woche-Regel vor Kurzem starke Zweifel geäußert. Wer Antibiotika länger als unbedingt nötig nutze, erhöhe das Risiko, dass die Bakterien neue Überlebensstrategien entwickeln. Ist die Kritik berechtigt?

Prof. Gerd Fätkenheuer: Die Eine-Woche-Regel ist eine frei erdachte Faustformel. Für sie gab es nie wissenschaftliche Beweise. Der einzig sinnvolle Gedanke dahinter ist, dass die Einnahme nicht unterbrochen werden sollte. Man muss eine Packung aber nicht zwingend aufbrauchen, damit das Antibiotikum wirkt. Wie lange ein Patient ein Mittel einnehmen muss, um eine Infektion zu stoppen, hängt von ihrer Schwere, dem Bakterientyp und davon ab, wie gut der Körper darauf anspricht. Entzündungen der Lunge oder Bronchien werden heute auch mal nur drei bis fünf Tage mit Antibiotika behandelt. Für Harnwegsinfektionen braucht es oft nur einen Tag. Schwere Infektionen mit etwa Staphylokokken müssen hingegen mehrere Wochen behandelt werden.

ÖKO-TEST: Was spricht dafür, ein Antibiotikum so früh wie möglich abzusetzen?

Prof. Gerd Fätkenheuer: Dass es gegen bestimmte Erreger nicht wirkungslos wird. Neuere klinische Studien belegen überzeugend, dass Bakterien umso resistenter werden, desto häufiger und länger Antibiotika eingenommen werden. Noch vor wenigen Jahren galt, je intensiver und länger wir mit Antibiotika behandeln, desto besser beugen wir Resistenzen vor, weil die Erreger vollständig beseitigt werden. Das ist zu kurz gedacht: In der Regel gelingt es nie, alle Bakterien im Körper zu töten. Es sei denn, es sind körperfremde Bakterien, wie etwa Typhus. Zudem müssen Ärzte heute häufig mit Antibiotika behandeln, ohne dass klar ist, welche Erreger genau bekämpft werden und ob es sich wirklich um eine bakterielle Infektion handelt. Es ist in solchen Fällen unmöglich von vorneherein zu sagen, wie lange ein Antibiotikum braucht, um ein bestimmtes Bakterium zu eliminieren oder ob es überhaupt wirkt.

ÖKO-TEST: Was raten Sie Patienten im Umgang mit Antibiotika?

Prof. Gerd Fätkenheuer: Die Dauer einer Antibiotikumgabe erfolgt heute nicht mehr nach starren Regeln, sondern bestenfalls immer gezielt abgestimmt auf die Infektion und ihren Verlauf. Der Arzt gibt idealerweise eine Einnahmedauer vor, an die sich der Patient halten sollte. Ein Antibiotikum setzt man dann am besten immer in Absprache mit dem Arzt ab, sobald die Symptome ausgeheilt sind oder es nicht anschlägt.

ÖKO-TEST Juni 2017

ÖKO-TEST Juni 2017
Erschienen am
26. Mai 2017

Preis: 4.50 €

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