Freizeit / Technik
TEST vom 25. Februar 2011
Rückenfreundliche Stühle
Schlag ins Kreuz
Rückenfreundliche Stühle
Starres Sitzen trägt oft zu schmerzhaften Rückenbeschwerden bei. Ergonomisch geformte Bürostühle und Aktivsitze sollen Abhilfe schaffen. Doch nur einer von acht rückenfreundlichen Stühlen schneidet in unserem Schadstofftest mit "sehr gut" ab.

Nehmen Sie doch Platz!" Was als Höflichkeitsfloskel üblich ist, könnte streng genommen auch als Drohung gelten. Denn im Sitzen erhöht sich der Druck, der beispielsweise auf den Bandscheiben lastet, im Vergleich zum Stehen deutlich und verdoppelt sich sogar fast, wenn man in der verbreiteten "entspannten" vorgeneigten Haltung Platz nimmt.

Auf den Arbeitsalltag übertragen, heißt das: Wer im Büro "sesshaft" geworden ist, und das sind hierzulande rund 18 Millionen Menschen, tut sich und seinem Rücken keinen Gefallen. Hinzu kommt, dass die monotone Haltung, wie sie beim täglichen Sitzmarathon eingenommen wird, und der daraus resultierende Bewegungsmangel, mit der Zeit fast jede Wirbelsäule zermürbt. Vor dem Bildschirm erstarrte Büroarbeiter sollten deshalb nicht vergessen, dass man sich zwischendurch auch mal recken und strecken kann, sich Schreibtischarbeit wechselweise in einer vorgeneigten, aufrechten und zurückgeneigten Haltung erledigen lässt.

Basis für ein solches "dynamisches Sitzen" ist ein ergonomischer Bürostuhl mit verstellbarer Lendenwirbelstütze und Synchronmechanik, das heißt, Sitz- und Rückenlehne bewegen sich aufeinander abgestimmt und folgen den Bewegungen des Körpers automatisch. Als Ergänzung werden sogenannte Aktivsitzmöbel angeboten, die - ähnlich wie ein Sitzball - Bewegungen in alle Richtungen erlauben. Laut Experten können sie allerdings nicht immer den ergonomischen Bürodrehstuhl ersetzen und eignen sich zum Beispiel für den Einsatz zu Hause oder im Wechsel mit einem Bürodrehstuhl.

Auch ein ergonomisch ausgeklügelter Bürostuhl nützt allerdings nichts, wenn sein Benutzer über Stunden unbeweglich auf ihm verharrt. Und selbst wenn man ein wenig den Zappelphilipp auf seinem Stuhl macht, ist der im Schnitt mehr als 80-prozentige Sitzanteil am Büroarbeitstag zu viel. Als Faustregel gilt: 50 Prozent sitzen, 25 Prozent stehen, 25 Prozent bewegen. Ideal sind Arbeitsplätze mit integrierten Stehpulten oder höhenverstellbare Schreibtische. Hierzu bietet der Markt passende Steh-/Sitzhilfen an, die ein Sitzen in verschiedenen Höhen ermöglichen.

Produkte mit AGR-Siegel erfüllen nachweislich die wichtigen Kriterien des dynamischen Sitzens

Wir haben Stühle eingekauft, die mit dem bei Orthopäden anerkannten Siegel der Aktion Gesunder Rücken (AGR) ausgezeichnet wurden und damit die wichtigen Kriterien des dynamischen Sitzens erfüllen. Ob Schadstoffe enthalten sind, prüft die AGR nicht. Deshalb haben wir die Produkte - darunter fünf Bürodrehstühle, zwei Aktivsitze, eine Steh-/Sitzhilfe - in die Labore geschickt und einem umfangreichen Schadstofftest unterzogen.

Das Testergebnis

Nicht auf jedem getesteten Bürostuhl bleibt man gerne sitzen. Nur einen können wir uneingeschränkt empfehlen. In den Bezügen und Polstern der anderen verbergen sich problematische Stoffe.

Als wahre Schadstoffschleudern entpuppen sich die Aktivsitze der Firma Aeris-Impulsmöbel. Im muvman stecken beträchtliche Gehalte an zinnorganischen Verbindungen, allen voran das giftige Dibutylzinn. Der swopper work enthält sowohl im blauen Sitz- als auch im schwarzen Lehnenbezug den krebsverdächtigen Farbstoffbestandteil Anilin.

Umstrittene halogenorganische Verbindungen, von denen viele Allergien auslösen können, fanden die beauftragten Labore in sechs Produkten. Wahrscheinlich stammen sie aus dem Färbeprozess. Wegen polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoffe, kurz PAK, kassieren drei Modelle je zwei Noten Abzug. Von den PAK sind viele Vertreter krebserregend.

Der Sedus black dot mit Polsterbezug "Atlantic" ist frei von Problemstoffen und mit 475 Euro für einen ergonomischen Bürodrehstuhl auch halbwegs erschwinglich. Die Ergebnisse unserer Schadstoffprüfung lassen sich allerdings nicht 1:1 auf andere Bezüge des gleichen Stuhlmodells übertragen.

Sitzenbleiber: Im swopper steckt krebsverdächtiges Anilin, der muvman enthält giftiges Dibutylzinn

So reagierten die Hersteller

Bei den Bezug- und Polstermaterialien verlassen sich die Firmen auf Schadstoffsiegel wie den internationalen Öko-Tex Standard 100 oder Toxproof (TÜV Rheinland). Die Mengen an Chemikalienrückständen, die diese Label erlauben, sind jedoch teilweise inakzeptabel. So sind zum Beispiel umwelt- und gesundheitsschädliche zinnorganische Verbindungen wie Dibutylzinn nicht gänzlich Tabu, sondern mit recht hohen Grenzwerten versehen.

Bürostuhl ist Sache des Arbeitgebers

Arbeitgeber sind verpflichtet, ihren Arbeitnehmern einen ergonomischen Bürostuhl zur Verfügung zu stellen. Allerdings - die Stühle müssen keiner höheren Preisklasse entstammen, es reicht ein Standardmodell. Konkrete Anhaltspunkte geben die Normen EN 1335 und DIN 4550/4551, die jedoch nur Mindestkriterien vorschreiben. So sind zum Beispiel die enthaltenen Verstellbereiche im Hinblick aufs zunehmende Größenwachstum nicht mehr ausreichend. Deutlich besser als die Norm vorgibt, sollte es also schon sein, weniger auf keinen Fall.

Aus dem Sitz gewachsen

Bürostühle sind standardmäßig für Körperhöhen von etwa 1,50 bis 1,90 Meter konstruiert. Eine Ausnahme bilden die Niederlande, da dort nicht nur die größten Leute leben, sondern - aufgrund von Immigration - auch viele Menschen mit kleinerer Statur. Deshalb wurde die Ergänzungsrichtlinie NPR 1813 (Nederlandse Praktijk Richtlijn) entwickelt, die in ihren Anforderungen an die Anpassungsfähigkeit von Bürostühlen deutlich weiter geht als die entsprechenden EU-Normen. Auch hierzulande kann es sich lohnen, nachzufragen, ob der gewünschte Stuhl die niederländische Norm erfüllt - in unserem Test haben wir einen entsprechenden Hinweis beim Drabert salida gefunden.

Wer zahlt orthopädische Hilfen?

Wenn sonstige Hilfsmittel wie orthopädische Stühle oder Stehpulte gebraucht werden, kann der Träger dafür die Kosten übernehmen. Zuständig sind Rentenversicherer (ab 15 Jahre versicherungspflichtiger Beschäftigung), Berufsgenossenschaften (nach Arbeitsunfall), das Integrationsamt (Studenten) und sonst die Arbeitsämter. Um die Erfolgsaussichten zu erhöhen, sollten vorher einige Formulare eingereicht werden: ein Antrag auf Leistungen zur Rehabilitation, den man beim Kostenträger bekommt, ein Attest eines Facharztes mit dem Hinweis, dass das Hilfsmittel verordnet werden muss, damit die Tätigkeit weiter ausgeübt werden kann, eine Tätigkeitsbeschreibung und ein Kostenvoranschlag eines qualifizierten Fachhändlers.

So haben wir getestet

Der Einkauf

Auch im Sitzen sollte man sich viel bewegen. Das stärkt die Muskeln, schont die Bandscheiben und entlastet die inneren Organe. Deshalb haben wir nur Bürostühle eingekauft, die das Gütesiegel der Aktion Gesunder Rücken (AGR) tragen und somit ein "dynamisches Sitzen" erlauben, wie es sich Orthopäden wünschen. Leider haben sich bisher nur wenige Hersteller der strengen Prüfzertifizierung gestellt.

Ein "Chefsessel" mit variablen Armlehnen, integrierter Kopf- und Nackenstütze und anderen Extras schlägt schnell mal mit 1.000 Euro oder mehr zu Buche. Der normale Büromensch sitzt in der Regel einfacher und preiswerter. Deshalb kamen für uns nur halbwegs erschwingliche Modelle der Kategorie "Sachbearbeiter" bis "mittleres Management" infrage, die auch im privaten Bereich und Arbeitszimmer beliebt sind. Eine sinnvolle Ergänzung für einen bewegten, rückenfreundlichen Arbeitsplatz können Aktivsitze und Stehhilfen sein. Auch davon haben wir jeweils mindestens ein Modell berücksichtigt.

Die AGR-Kriterien

Das Siegel belegt die ergonomische Qualität von Alltagsprodukten wie Betten, Fahrrädern oder Büromöbeln. So muss ein Aktivsitz laut AGR standsicher sein und die Sitzfläche nach oben gewölbt. Außerdem soll er in alle Richtungen schwingen können und der Weg und Widerstand der Schwingungen einstellbar sein. Eine Steh-/Sitzhilfe muss in der Höhe an verschiedene Situationen anpassbar sein und über einen Verstellbereich von mindestens 48 bis 80 Zentimeter verfügen, außerdem wird eine Vorwärtsneigung vorausgesetzt, um die physiologische Krümmung der Wirbelsäule auch bei hoher Sitzposition zu unterstützen. Bei Bürostühlen wird unter anderem eine Synchronverstellung gefordert. Da ÖKO-TEST wie auch Orthopäden, Rückenschulen und Experten weiterer medizinischer Fachrichtungen diese Kriterien für richtig und wichtig halten und die Stühle im Test diese Anforderungen durch die AGR-Zertifizierung belegen, konnten wir auf einen Praxistest verzichten. Zu den Inhaltsstoffen sagt das AGR-Siegel nichts aus. Aus diesem Grund haben wir alle Produkte einem umfassenden Schadstoffcheck unterzogen.

Die Schadstoffe

Rund 60.000 Stunden verbringt der durchschnittliche Bildschirmarbeiter auf seinem Bürostuhl, im Sommer auch gerne mal kurzärmelig auf Tuchfühlung mit Sitz und Lehne. Da drängt sich die Frage auf, ob problematische Substanzen in den Materialien stecken. Bei unserem letzten Bürostuhltest im Jahr 2003 enthielten einige Modelle giftige zinnorganische Verbindungen, gesundheitsschädliche Weichmacher und Phosphorflammschutzmittel, deshalb wollten wir wissen, ob sie auch heute noch ein Problem sind. In den textilen Bezügen der Stühle können erfahrungsgemäß sensibilisierende Farbstoffe und verbotene Azo-Farbstoffe enthalten sein. Auch halogenorganische Verbindungen stammen oft aus dem Färbeprozess. Schließlich standen auch die PAK auf der Fahndungsliste, sie können zum Beispiel in Kunststofffasern vorkommen.

Die Bewertung

Nicht nur die ergonomische Qualität, sondern auch die Materialien müssen bei einem Bürostuhl stimmen. Deshalb setzt sich unser Testurteil aus der Schadstoffprüfung zusammen.

Wofür die anderen Zeichen stehen

GS-Zeichen

Das GS-Zeichen für "Geprüfte Sicherheit" bescheinigt, dass das Produkt von einer zugelassenen, zertifizierten Prüfstelle untersucht wurde. Prüfbasis sind im Wesentlichen nur die gesetzlichen Mindestvorschriften zu Sicherheit und Schadstoffen. Teilweise gehen die Anforderungen auch etwas darüber hinaus. Leider stoßen wir in unseren Tests häufiger auch bei Produkten mit GS-Siegel auf Mängel.

Quality Office

Das Zeichen besagt, dass Büromöbel die Ziele der Leitlinie "Qualitätskriterien für Büroarbeitsplätze" erfüllen. Diese werden unter anderem von der Verwaltungsgenossenschaft (VBG), dem Verband Büro, Sitz- und Objektmöbel (BSO) und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BauA) herausgegeben. Ein GS-Zeichen wird vorausgesetzt. Die Anforderungen an die Sitzergonomie gehen weit über die gesetzlichen Vorgaben hinaus. Bewertet wird zudem der Verkaufsservice. Allerdings basiert die Zertifizierung in der Regel nur auf einer Selbstauskunft der Hersteller, die durch ein Expertengremium ausgewertet wird.

TÜV Rheinland/Ergonomie geprüft

Das Label wird zum Beispiel für Büromöbel, Bildschirme und Software vergeben. Geprüft werden bei Bürostühlen gesetzliche Vorgaben und die des GS-Zeichens sowie weitere Anforderungen an die Sitzergonomie. Welche dies genau sind, hat uns der TÜV leider nicht mitgeteilt.

Das bringt Dynamik in den Büroalltag

Besprechungen zur Abwechslung nicht im Sitzen, sondern an Stehpulten oder im Freien durchführen, Telefonate weitgehend im Stehen

beim Nachdenken ab und zu aufstehen und zwischendurch ein paar Schritte gehen

Treppensteigen statt Aufzug nehmen

sich Dinge selbst holen, statt sie sich bringen zu lassen und nicht alles per Mail erledigen, sondern persönlich vorbeigehen

einen bewegten Weg zur Arbeit auswählen, zum Beispiel mit dem Rad

Spaziergänge in der Pause machen

kleine Bürogymnastik am Schreibtisch (Nacken strecken, Schultern rollen, Arme dehnen und schütteln, Becken vor- und zurückwippen lassen, Gewicht mal auf die linke mal auf die rechte Gesäßhälfte verlagern)

nicht alles in Griffnähe halten, Arbeitsmaterialien in weiter weg stehenden Schränken und Regalen unterbringen

ÖKO-TEST Oktober 2014

ÖKO-TEST Oktober 2014
Erschienen am
26. September 2014

Preis: 4.50 €

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