Startseite
47 Computergestützte Geldanlagemodelle im Test

ÖKO-TEST Juni 2016
vom 25.05.2016

Computergestützte Geldanlage (Robo Advisor)

Viel heiße Luft

Online-Plattformen machen herkömmlichen Banken derzeit heftig Konkurrenz. Ihr Motto lautet: Klicken, sparen, Rendite machen. Doch bieten die neuen Roboter wirklich eine bessere Geldanlage? ÖKO-TEST verrät, was die neuen Portale taugen und wer wirklich überzeugen kann.

824 | 10
Zu diesem Thema ist ein neuer Artikel vorhanden.

25.05.2016 | Wenn es um die Geldanlage geht, ist der Kunde bei Banken und Sparkassen längst nicht mehr König. Verbraucherschützer kritisieren immer wieder, dass viele Bankberater eher auf die Provisionen als auf die Interessen ihrer Kunden achten und vorzugsweise hauseigene, teure Produkte empfehlen, an denen auch das Bankhaus mitverdient. Mehr noch: Viele empfohlene Produkte gehen am Bedarf der Kunden komplett vorbei, wie die Initiative Finanzmarktwächter vergangenes Jahr in einer Stichprobe feststellte.

Hinzu kommt, dass Verbraucher in der anhaltenden Niedrigzinsphase mit einer Anlage in Eigeninitiative oft heillos überfordert sind. Denn für sichere Zinsanlagen gibt es kaum noch Rendite - und mit Aktien, Anleihen oder Fonds kennt sich das Gros der Bundesbürger nicht gut genug aus. Professionelle Vermögensverwaltung gibt es dagegen nur für Betuchte. Obendrein ist dieser Service bei herkömmlichen Geldinstituten ausgesprochen teuer. Kein Wunder daher, dass sich neuerdings jenseits der etablierten Banken eine neue Branche von Start-ups etabliert, die mit reiner Online-Geldanlage die Bankberatung revolutionieren wollen. Diese sogenannten Robo-Advisor setzen auf den digitalen Wandel und sprechen vorzugsweise junge, technikaffine Kunden an, die ihre Geldgeschäfte ohnehin am liebsten online am PC erledigen. Denen bieten sie nun auch eine interessenunabhängige Geldanlage und Vermögensverwaltung an, die sich zudem an den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert. Das Ganze soll nicht nur einfach von zu Hause über PC, iPad oder Smartphone funktionieren. Niedrige Mindestanlagesummen und Sparpläne, die schon ab 10 Euro erhältlich sind, machen das Robo-Advising glatt zu einer professionellen Geldanlage für jedermann. Obendrein werben Robo-Advisor mit einfachen Konzepten, Transparenz und niedrigen Kosten. Ein paar Klicks, fertig ist das Depot und der Kunde kann täglich zuschauen, wie sein Vermögen wächst. Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. ÖKO-TEST wollte daher genauer wissen, ob die automatisierte Geldanlage funktioniert, nur Wunschtraum ist oder windige Geschäftemacherei. Dazu wurden 12 Anbieter mit insgesamt 35 Anlagestrategien unter die Lupe genommen.

Das Testergebnis

Große Qualitätsunterschiede. Komplett überzeugen konnte uns kein einziges Portal. Das mag bisweilen nur an den Kinderkrankheiten der noch jungen Branche liegen. Immerhin schafften es vier der untersuchten zwölf Anbieter, die Quirin Bank mit Quirion, die beiden Onlinevermögensverwalter Scalable und Whitebox sowie die Onlineanlageberatung VisualVest, Tochter der Fondsgesellschaft Union Invest, auf einen guten 2. Rang im Gesamtergebnis. Denn bei diesen Anlageportalen gab es nur wenige Punkte zu bemängeln, die sich zudem leicht abstellen lassen. Weitere drei Anbieter, die Sutor Bank, fintego von Ebase sowie Easyfolio landeten immerhin noch im Mittelfeld. Bei allen anderen Robo-Advisors hakte es dagegen gleich an mehreren Stellen. Der Comdirect Anlageassistent und Ginmon kamen da

ÖKO-TEST Juni 2016

Gedruckt lesen?

ÖKO-TEST Juni 2016 ab 4.50 € kaufen

Zum Shop

ÖKO-TEST Juni 2016

Online lesen?

ÖKO-TEST Juni 2016 für 3.99 € kaufen

Zum ePaper

Weitere Informationen

Untersucht wurden Robo-Advisor, die Anlegern eine computergestützte, automatisierte Geldanlage via Internet anbieten oder entsprechende Fondsportfolien bzw. Fonds online vermitteln. Die Geldanlage kann per Einmalbetrag oder in Form eines Sparplans erfolgen. Für den Test wurden im März und April auf Basis eines 40- bis 45jährigen Musterkunden unter Bekanntgabe aller persönlichen Daten Angebote für eine solche Geldanlage eingeholt. Der Musterkunde verfügte über ein monatliches Nettoeinkommen von 4000,- € bei monatlichen Ausgaben von 3000,- €. Sein Geldvermögen belief sich auf ca. 50.000 € . Für Notfälle war eine weitere Rücklage vorhanden, die nicht beim Geldvermögen eingerechnet ist. Von seinem Geldvermögen sollten nicht mehr als 20%, also 10.000 €, als Einmalbeitrag bei einem Robo-Advisor angelegt werden. Hinzu kam ein monatlicher Sparbeitrag von 250 Euro. Der Musterkunde wollte das Geld langfristig anlegen (Anlagedauer: 10 bis max. 15 Jahre), sein Anlageziel war primär Vermögensaufbau, wobei das angesparte Vermögen später ggf. der Altersvorsorge dienen sollte. Die Risikoneigung des Musterkunden war moderat. Er war zwar bereit, für eine höhere Rendite temporäre Wertschwankungen zu tolerieren. Der max. tolerierbare Verlust sollte bei ca. - 10% bis -15 % p.a. liegen. Der Musterkunde verfügte zudem über Kenntnisse/Erfahrungen im Bereich in Tagesgeld, Aktienfonds, ETF, Immobilien, hatte aber keine Erfahrungen mit keine Direktanlagen in Aktien, Anleihen, Rohstoffen, Währungen etc..
In einem ersten Testlauf wurden die Offerten der Portale mit allen verfügbaren Informationen zu den Kosten, Musterportfolien (soweit vorhanden) ,Anlagestrategien, Risikomixturen sowie die erfassten Kundendaten etc. unter die Lupe genommen. In einem zweiten Testlauf klickte sich der Musterkunde bis kurz vor den Vertragsabschluss durch. Anschließend wurden die Offerten ausgewertet. Im Bereich Geschäftsmodell wurde dabei geprüft, ob der Musterkunde einen konkreten Anlagevorschlag mit detaillierten Angaben zu den einzelnen Investments (Fonds, ISIN, Anteil am Gesamtportfolio) oder der Vermögensverwaltung sowie den dazugehörigen Unterlagen (insbesondere Produktinformationsblatt (PIP bzw. KID, WPHG-Bogen) sowie die zur Kontoeröffnung erforderlichen Unterlagen (AGB, Vollmachten, Postident-Kupon) erhalten hat oder ob diese auf Knopfdruck abrufbar waren. Die zuvor online erfolgte Abfrage zu den finanziellen Verhältnissen des Kunden, seinen Anlagewünsche und -Ziele sowie seiner Risikoneigung, dem Anlagebetrag und der gewünschten Anlagedauer wurde per Screen-Shot dokumentiert. Sodann wurde geprüft, ob die abgefragten Daten in den Kontoeröffnungsunterlagen enthalten oder nachträglich auszufüllen waren. Anschließend erfolgte die Bewertung des Geschäftsmodells anhand der erhalten Unterlagen. Portale, die nach Einschätzung von ÖKO-TEST Anlageberatung und/oder Vermögensverwaltung betreiben, konnten maximal vier Punkte erhalten, wenn die Vertragsunterlagen vollständig (AGB etc.) waren und keinen Haftungsausschluss für die persönliche Empfehlung vorsahen. Bei Haftungsausschlüssen - deutlich sichtbar in einem separaten Formular - gab es null Punkte. Haftungsausschlüsse versteckt im Kleingedruckten wurden mit einem Minuspunkt, Haftungsausschlüsse per Disclaimer mit zwei Minuspunkten bewertet. Daneben konnte jedes Portal jeweils einen Punkt erhalten, sofern dem Kunden zusätzlich ein Beratungsprotokoll bzw. der WPHG-Bogen ausgehändigt wurde bzw. abrufbar war und einen weiteren Punkt für das/die PIP bzw. die Anlegerinformationen zur empfohlenen Anlagestrategie. Maximal erzielten die Portale daher sechs Punkte, im schlechtesten Fall minus zwei. Zu Ermittlung der Note wurde anschließend die Differenz zwischen der höchsten und der niedrigsten Punktzahl gebildet und in sechs gleichgroße Klassen eingeteilt.
Nach gleichem Schema sind wir bei der Note für die Kostentransparenz vorgegangen. Wurden alle Kostenpositionen transparent aufgelistet, gab es sechs Punkte. Wurden Zusatzkosten wie die fondsinternen Gebühren (TER), anfallende Transaktionskosten oder Kosten für das Wertpapierdepot zwar angesprochen, aber nicht beziffert, gab es lediglich fünf Punkte. Fehlten Hinweise zu fondsinternen Kosten ganz, gab es lediglich vier Punkte, blieben Kostenpositionen komplett unerwähnt, die der Anleger zu zahlen hat, wie Gewinnbeteiligung, Depotgebühren, gab es jeweils einen weiteren Punktabzug. Die Bewertung der Verständlichkeit der Fragen zur Risikotoleranz des Kunden erfolgte dagegen auf qualitativer Basis. Dazu wurden zunächst die Risikofragen aller Portale erfasst, miteinander verglichen und anschließend in sechs Klassen eingeteilt. Sofern gezielt nach dem maximal tolerierbaren Verlust pro Jahr gefragt wird oder der Kunde verschiedene, exakt bezifferte maximale Verluststufen auswählen kann, gab es ein "sehr gut”, wurden die Risikoklassen eher verbal beschrieben, das Ganze aber mit einer Grafik ergänzt, welche die Verlustrisiken anschaulich visualisiert, gab es ein "gut”. Anbieter, die Rendite- und Risikodaten zusammenfassen , so dass eher die Rendite als das Risiko im Vordergrund steht, erhielten ein "befriedigend”. Werden Risiken und Renditen primär verbal dargestellt und nur die Renditeangaben mit Zahlen unterlegt, gab es ein "ausreichend”. Sofern die Risiken ausschließlich mit eher vagen verbalen Begriffen dargestellt werden, gab es ein "mangelhaft”. Fehlte die Abfrage der Risikotoleranz vollständig, stufte ÖKO-TEST dies als "ungenügend” ein.
Sämtliche im ersten Testlauf erfassten Daten zu den Kosten, Portfolien, Anlagemischungen, dem Rebalancing, den Fragen zu Einkommens- und Vermögensverhältnissen, Anlageziel und Dauer, Kenntnissen und Erfahrungen des Kunden sowie die Frage ob die Risikoneigung und Risikotragfähigkeit geprüft wird, hat ÖKO-TEST online erfasst und anschließend den Portalen zur Verifizierung zurückgespielt. Sofern das Portal keine Angaben zur Wertentwicklung seiner Portfolien machte, wurde diese von ÖKO-TEST auf Basis der Portfoliomischungen ermittelt. Auch diese Daten wurden den Anbietern zur Verifizierung und/oder Korrektur übermittelt.