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ÖKO-TEST Oktober 2017
vom

Höschenwindeln

Sitzt, passt, wickelt und hat Luft

Wegwerfwindeln sind praktisch. Doch sie verursachen Müllberge. Alternativen sind Stoffwindeln oder gleich die Methode "Windelfrei". Beides liegt im Trend. Wer jedoch auf Einweg nicht verzichten will, hat eine große Auswahl an guten Produkten.

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28.09.2017 | Türkisblau, Grasgrün, Sonnengelb. Flatternde Vögel, lustige Roboter oder kunterbunte Punkte. Schaut man sich im Darmstädter Laden "Grünkind" um, erkennt man schnell, dass es Stoffwindeln heutzutage in allen erdenklichen Farben und Formen gibt. Vorbei die alten Öko-Tage, als die Produktpalette gerade mal von Beige bis Grau reichte.

"Stoffwindeln sollen Spaß machen", sagt Ladeninhaberin Sawa Nordt. Ihr Geschäft ist spezialisiert auf Textilwindeln. "Sie sind längst eine Funktionskleidung. Schick genug, dass die Kleinen sie einfach zum T-Shirt tragen können." Die Zeiten, als noch ein kaum atmungsaktives Gummihöschen drüber musste, sind ebenfalls passé. Mehrfachwindeln heißen heute "All-in-ones" oder "Pockets". Manche gleichen mit wasserdichtem Außenmaterial, absorbierendem Innenvlies, Klett- oder Druckverschluss schon fast ihren Wegwerfpendants. Baumwolle, Bambus-Viskose, Polyester, Mikrofaser - Materialien gibt es fast so viele wie Designs. "Das Interesse steigt, das Angebot wird größer", sagt Sawa Nordt. In ihrem Laden finden sich Produkte von mehr als 20 Firmen. Meist sind das kleinere Familienbetriebe. Längst gibt es aber auch größere Unternehmen. Aber wer sind eigentlich die Käufer? "Die meisten sind umweltbewusst. Sie wollen weniger Müll verursachen oder haben keine Lust auf Kunststoff an der Haut ihres Babys." Und dann gibt es da noch die Windelfrei-Eltern. "Sie bevorzugen Stoffwindeln als Back-up für den Notfall", so die "Grünkind"-Inhaberin.

Der Windelfrei-Trend greift seit Jahren um sich. Deutschlandweit entstehen Kurse und Treffs. Anhänger des Konzepts gehen davon aus, dass Windeln antrainiert sind und Babys von Natur aus mit Signalen, etwa durch Schreien oder Strampeln, anzeigen, dass sie müssen. Daraufhin halten Eltern ihr Kind über dem Töpfchen, dem Waschbecken, der Wanne oder im Freien ab, damit sie machen können. "Ich habe meinen Sohn immer beim Stillen abgehalten, das hat super geklappt", sagt Nicola Schmidt. Die zweifache Mutter betreibt den Blog 123-windelfrei.de. Sie ist Windelfrei-Coach und Autorin des Ratgebers Artgerecht: Das andere Baby-Buch. Wollten Eltern es mal ausprobieren, rät ihnen die Bloggerin, entspannt an die Sache heranzugehen. Rückschläge gebe es immer wieder. "Kinder funktionieren nun mal nicht auf Knopfdruck." Ein wenig Geschick, Intuition und Beobachtungsgabe genügten. Oft helfen schon ein paar kleine Tricks. "Wenn die Ameise auf dem Stein gerade interessanter ist als das Pipimachen, dann nimmt man halt den Stein mit zum Abhalten."

Einwände, dass Unterzweijährige ihren Schließmuskel noch gar nicht kontrollieren könnten, lassen Nicola Schmidt und andere Anhängerinnen des Konzepts nicht gelten. Erstens gebe es keine Studie, die das belege, zweitens zeige ihnen ihre Erfahrung etwas anderes. Übrigens: Großteile der Weltbevölkerung halten ihre Kinder einfach ab. Es gibt Regionen, etwa in Asien und Afrika, wo das Wickeln überhaupt keine Tradition hat.

Ziel der Windelfrei-Methode ist es zwar, möglichst auf Pampers & Co. zu verzichten. Doch ganz ohne geht es nicht immer. "Natürlich greift man auch auf Windeln zurück, wenn es die Situation erfordert, es soll ja kein Stress werden", räumt Nicola Schmidt ein. Als typische Situationen nennt sie Reisen, Krankheiten, einen Entwicklungsschub oder tief greifende Veränderungen, etwa die Geburt eines weiteren Kindes oder ein Todesfall in der Familie. "Bei meiner Tochter war es ein Umzug. Da war es für ein paar Wochen plötzlich vorbei mit dem Trockensein."

Ob ganz weg von der Windel oder nur teilweise. Ob morgens Stoffwindeln, mittags mal windelfrei und nachts zur Sicherheit doch lieber Einwegprodukt: Ganz auf Wegwerfwindeln zu verzichten, dazu sind die meisten Eltern nicht bereit. Wir haben 13 Produkte eingekauft und in verschiedenen Laboren auf ihre Inhaltsstoffe und Praxistauglichkeit prüfen lassen.

Das Testergebnis

Kann sich sehen lassen. Mehr als die Hälfte der Produkte können wir empfehlen. Sechsmal vergeben wir die Note "gut", ein Produkt ist "sehr gut". Für das Schlusslicht gibt es ein "ausreichend".

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben 13 Windeln der Größe 4 beziehungsweise "Maxi" ausgesucht. In der Regel passen die Produkte ab dem zweiten Lebenshalbjahr, häufig bis zum dritten Geburtstag oder dem Trockenwerden. Mit dabei: Marktführer Pampers, Eigenmarken von Drogerien und Discountern sowie Öko-Windeln.

Die Inhaltsstoffe
Unsere Tests in den vergangenen Jahren haben gezeigt, dass Babywindeln heutzutage nahezu frei von Schadstoffen sind. Natürlich untersuchen wir trotzdem weiter auf bedenkliche Inhaltsstoffe: Rückstände von umstrittenen halogenorganischen Verbindungen etwa können aus der Bleiche der Zellstofffasern stammen.

Der Praxistest
Wie schnell saugt eine Windel den Urin auf, wenn sie ganz frisch oder schon eingenässt ist? Wie viel Flüssigkeit gibt eine benutzte Windel an den Babypopo ab? Dies prüfte ein Labor unter standardisierten Bedingungen für uns. Zudem ließen wir jede Marke von 30 Eltern mehrere Tage lang an ihrem Baby ausprobieren. Sie beurteilten: Wie gut lässt sich die Windel an- und ausziehen? Halten die Verschlüsse? Läuft auch im Sitzen oder beim Krabbeln nichts aus? Und wie gut ist die Hautverträglichkeit?

Die Bewertung
Eine gute Windel muss in erster Linie funktionstüchtig sein. Deshalb ist für uns das Testergebnis Praxisprüfung das maßgebliche. Hierbei waren uns die Teilergebnisse aus dem Labor und der Eltern-Kind-Anwendung gleich wichtig.

So haben wir getestet

Wie schnell saugt die Windel? Das prüfte das Labor mit einem Dosiergerät, Gewichten und einer Urinersatzlösung.

Video zum Thema

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ÖKO-TEST-Magazin 10/2017:

Höschenwindeln

Sitzt, passt, wickelt und hat Luft.

Wegwerfwindeln verursachen zwar Müllberge, aber sie sind nun mal sehr praktisch und deshalb bei vielen Eltern beliebt. Doch es gibt horrende Preisunterschiede zwischen Markenprodukten und Eigenmarken. Lohnt es sich, die teureren Windeln zu kaufen? Oder halten die günstigen genauso gut trocknen? Und enthalten manche problematische Inhaltsstoffe? ÖKO-TEST ist diesen Fragen nachgegangen und hat 13 Marken im Labor nicht nur auf Schadstoffe analysieren lassen, sondern auch aufwendige Praxistests durchführen lassen. Chefredakteur Jürgen Stellpflug über das Ergebnis.