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Ratgeber Kosmetik 2017
vom

Mizellen-Gesichtswasser

Teures Wasser

Mizellenwässer sind der neueste Trend in Sachen Abschminken. Wir haben uns 20 Produkte angesehen: Immerhin acht Wässerchen können wir empfehlen. Vier Produkte des Branchenriesen L'Oréal fallen jedoch durch den Test.

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11.05.2017 | Beginnen wir doch zur Abwechslung einmal mit einem fiktiven Ratespiel:

Wissen Sie, was Seidenproteine sind? Schon mal gelesen, aber keine Ahnung, was dahintersteckt. Ein asiatischer Leckerbissen aus gerösteten Raupen vielleicht?

Hydrofaktoren - kennen Sie die? Klingt irgendwie nach einem Fachbegriff aus der Meteorologie ..

Und wie steht es mit Mizellen? Auch das hört sich bekannt an. Ein Tipp: Mit Myzelien, also Pilzgeflechten, hat es nichts zu tun.

Tatsächlich stammen die genannten Schlagworte alle aus der Kosmetikwerbung. Und sie lesen sich herrlich wissenschaftlich und innovativ. Dennoch würden die Antworten der meisten Verbraucher wohl ähnlich schwammig ausfallen. Warum das so ist, weiß Diplom-Psychologe Florian Becker, Professor an der Rosenheim University of Applied Sciences und Bereichsvorstand der Wirtschaftspsychologischen Gesellschaft in München: "In der Werbung finden sich Begriffe, die sich mehr nach Weltraumtechnik anhören als nach Kosmetik. Alles, was mit dem Thema Kosmetik und Pflege zu tun hat, ist für den Laien nicht wirklich leicht einzuschätzen. Kunden suchen deshalb nach bestimmten Vertrauensreizen." Sie halten also gezielt Ausschau nach Schlüsselworten, die verlässliche Informationen zur Wirksamkeit liefern. Diesem Verlangen kommen Hersteller und Marketingexperten nach, indem sie wissenschaftlich klingende Begriffe verwenden, sich auf Studien berufen oder "jemanden im weißen Kittel, am besten einen Doktor Irgendwas" für sich sprechen lassen, so Becker. "Dabei ist es gar nicht so wichtig, welche Qualität ein Produkt wirklich hat." Funktioniert die Werbung bei einem Hersteller, springen häufig andere auf und vermarkten ihre Produkte mit vergleichbaren Wirkversprechen. Ein Trend ist geboren.

Wie Kunden auf neue Produkte reagieren, testen Marketingfachleute unter anderem auf den zukunftsweisenden, sogenannten Lead Markets (Leitmärkte). "Zum Beispiel bei Technologieprodukten in modernen asiatischen Großstädten, wo die Menschen technikaffiner sind als anderswo auf der Welt und bestimmte Dinge früher nutzen", weiß Wirtschaftspsychologe Becker. "Um zu merken, ob ein Trend entsteht oder sich ändert, muss man Kontakte pflegen und mit ‚High involvement'-Personen ins Gespräch kommen." Das können Verbraucher sein, die sich intensiv mit einem bestimmten Thema beschäftigen und durch eigene Ideen und Kreationen die Trends aktiv mitgestalten. In der Automobilindustrie ist es zum Beispiel die Tuningszene, in der Kosmetik- und Modebranche geben seit einigen Jahren Beautyblogger die Marschrichtung vor. Deren Erfahrungsberichte empfinden viele Verbraucher als unvoreingenommen und nicht von der Werbung beeinflusst - was sie empfehlen, wird gekauft. Das wissen auch die Hersteller und stellen den Bloggern gerne kostenlose Testpakete und Produktproben zur Verfügung. Auch die Mizellenwässer haben es schon in Blogs und Vlogs (Video-Blogs) geschafft. Kein Wunder, schließlich kommt man an kaum einem Drogerieregal vorbei, in dem nicht mindestens zehn verschiedene Fläschchen prangen, auf denen mit der Wirkung der "Mizellen-Technologie" geworben wird.

Nicht selten wirft die Kosmetikindustrie mit abenteuerlichen Begriffen um sich, die in Wirklichkeit jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehren. Mizellen allerdings existieren tatsächlich: Die nanometergroßen Strukturen können mithilfe speziell angeordneter Tensidmoleküle Fett und Schmutz aufnehmen und abtransportieren - mit dem Zusatz "Nano" müssen die löslichen Mizellen in der Inhaltsstoffliste übrigens bislang nicht gekennzeichnet werden. Sie gelten nach aktuellem wissenschaftlichen Stand als sicher. Gleichzeitig sollen die Wässerchen sogar milder und besser verträglich sein als andere Reiniger und sich deshalb auch zum Entfernen von Augen-Make-up eignen - so steht es jedenfalls auf den Etiketten. Allerdings ist das Wirkprinzip längst nicht so neu und innovativ, wie es uns manch ein Hersteller weismachen will. "Eigentlich ist diese Technologie ein alter Hut", sagt Susanne Gans, Laborleiterin bei Speick Naturkosmetik, "aber so trendig kommuniziert spricht es auch das jüngere Publikum an."

Und was im Trend liegt, ist nicht immer preiswert - oft zahlen Kunden schon für den Markennamen drauf. Besonders in der Kosmetikbranche ist ein niedriger Preis nicht unbedingt ein Kaufargument. Im Gegenteil: Teures werde oft als exklusiv und damit als qualitativ hochwertiger wahrgenommen, unterstreicht auch Wirtschaftspsychologe Becker. Doch ÖKO-TESTs zeigen immer wieder, dass Teures nicht automatisch besser ist. Wir haben 20 Produkte eingekauft, darunter auch ein paar hochpreisige, und im Labor auf Problemstoffe überprüfen lassen.

Das Testergebnis

Große Spanne. Mehr als ein Drittel der getesteten Mizellenwässer können wir mit "sehr gut" empfehlen, darunter alle Naturkosmetika. Unter den besten Produkten ist auch das günstigste. Vier Wässer des Branchenriesen L'Oréal schneiden allerdings mit "ungenügend" ab, weil sie einen als krebsverdächtig eingestuften Stoff enthalten.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
In jeder Drogerie und Parfümerie gibt es sie inzwischen in zig Variationen - entweder werden sie als "Mizellenwasser", "Micellar Water" oder etwas hochtrabender als französisches "Eau Micellaire" bezeichnet. Selbst Aldi Süd hat eines seiner Eigenmarke Lacura im Sortiment. Zur besseren Vergleichbarkeit auf 200 Milliliter gerechnet, kosten die Wässerchen im Test zwischen 76 Cent und 34,99 Euro.

Die Inhaltsstoffe
Wasser und waschaktive Substanzen, das müsste doch eigentlich reichen. Oder? Ganz so einfach ist es nicht, denn vielen Mizellenwässern sind auch Parfüm- und Duftstoffe, Alkohol, Emulgatoren oder Konservierungsmittel zugesetzt. Ob darunter bedenkliche Substanzen sind, haben wir im Labor und anhand der Deklaration überprüfen lassen.

Die Weiteren Mängel
Ein Blick in die Verkaufsregale zeigt, dass eine einfache Flasche als Verpackung für Gesichtswasser ausreicht, die in den meisten Fällen aus Kunststoff besteht. Im Labor haben wir analysieren lassen, ob die Plastikflaschen umweltschädliche chlorierte Verbindungen enthalten. Außerdem haben wir nachgeschaut, ob Kunststoffbehälter unnötigerweise zusätzlich mit einem Umkarton verpackt sind.

Die Bewertung
Abzüge gibt es vor allem für den höchst umstrittenen und als krebsverdächtig eingestuften Konservierungsstoff Polyaminopropyl Biguanide (PHMB). Ein Produkt verschlechtert sich, je nach Schwere seiner Mängel. Dazu zählen wir zum Beispiel auch PEG/PEG-Derivate sowie den Duftstoff Lilial.

So haben wir getestet

Natürlich und verträglich? Der Konservierer Polyaminopropyl Biguanide (PHMB) ist in der Kritik.